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Liu Xiaobo: «Ich habe keinen Hass»

Friedensnobelpreis an Regimekritiker Liu XiaoboGroßansicht

Peking (dpa) - Seit zwei Jahrzehnten tritt Liu Xiaobo friedlich für Demokratie und Menschenrechte in China ein. Er ist ein kritischer Intellektueller und Dichter, den Schuld und Selbstzweifel plagen. Das kommunistische Regime fürchtet ihn, weil er plötzlich zur Führungsfigur wurde.

«Ich habe keine Feinde und keinen Hass», sagte Liu Xiaobo seinen Richtern, als sie ihn im Dezember 2009 für elf Jahre ins Gefängnis steckten. Genau diese Botschaft der Gewaltlosigkeit hat der heutige Friedensnobelpreisträger schon vor zwei Jahrzehnten ausgesendet, als er sich 1989 als Literaturdozent dem Hungerstreik der Studenten aus Protest gegen die Regierung angeschlossen hatte.

In seinem Schlusswort vor Gericht fand der Literat und Dichter die schönsten Worte für seine Frau Liu Xia, wohlwissend, dass sie lange auf ihn warten muss: «Deine Liebe ist das Sonnenlicht, das über hohe Mauern springt und die Gitterstäbe meines Gefängnisfensters durchdringt.» Am Ende sagte er: «Selbst wenn ich zu Pulver zermalmt werde, werde ich noch meine Asche nehmen, um dich zu umarmen.»

Schon dreimal hatte der Ehrenvorsitzende des chinesischen Pen- Clubs unabhängiger Schriftsteller zuvor im Gefängnis gesessen. Als am 4. Juni 1989 die Truppen anmarschierten und auch auf dem Platz des Himmlischen Friedens ein Blutbad drohte, vermittelten und organisierten Liu und seine Mitstreiter den friedlichen Abzug der Hungerstreikenden - auch gegen den Widerstand radikaler Kräfte.

Dennoch lastet der Tod vieler Demonstranten bis heute auf ihm. Er weigerte sich, politisches Asyl in einer Botschaft zu beantragen, wurde verhaftet. Nach gut einem Jahr im Gefängnis gab er innerlich auf, schrieb auf Druck seiner Familie ein Geständnis, das ihm im Januar 1991 die Freiheit brachte. Er zog sich zurück, geplagt von Schuldgefühlen, dem Gefühl von Schande über seine Schulderklärung und Misstrauen von Mitstreitern über die Umstände seiner Entlassung.

Seine Ehe ging in die Brüche. Seinem Sohn war er nach eigenem Empfinden ein schlechter Vater. 1995 wurde aus dem einsamen Kritiker wieder ein politischer Aktivist. Von Mai 1995 an wurde Liu Xiaobo für acht Monate festgehalten, im Oktober 1996 für drei Jahre in ein Umerziehungslager gesteckt. Drei Jahre musste er Bohnen sortieren - angeblich, um ihm die Augen zu ruinieren.

In der Haft heiratete er im April 1998 seine Freundin Liu Xia, schrieb Liebesgedichte - schon damals mit der Analogie von Asche und Tod: «Bevor deine Asche im Grab versinkt, schreib mir damit einen Brief und vergiss deine Anschrift im Jenseits nicht», wie die Biografie seines im US-Exil lebenden Schriftstellerkollegen Bei Ling mit dem Titel «Der Freiheit geopfert» zitierte.

Liu Xiaobo empfand seine Haftstrafe als Sühne. Im Oktober 1999 kam er frei, half den «Müttern von Tian'anmen», dem Netzwerk der Opfer von 1989. An der Gründung des Pen-Clubs 2001 war er maßgeblich beteiligt, übernahm den Vorsitz. Seine Persönlichkeit wurde zunehmend von den oppositionellen Kräften und auch moderaten Stimmen im System akzeptiert. «Da stellte er eine wachsende Bedrohung aus Sicht der chinesischen Regierung dar», sagte Bei Ling der dpa.

Aus Anlass des 60. Jahrestages der UN-Menschenrechtserklärung verfasste Liu Xiaobo 2008 mit anderen die «Charta 08» - ein Appell für Demokratie und Menschenrechte. Zwei Tage vor der Veröffentlichung holte ihn die Polizei ab. Wie heißt es doch in dem Manifest: «Es muss ein Ende haben, dass Wörter Verbrechen sein können.»

Nobelpreise / Menschenrechte / China
10.12.2010 · 20:56 Uhr
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