News
 

Letztes Schiff zur Ostseeinsel brachte Putenbraten

Das Paar Conrad Marlow und Ursula Todt überwintert auf der Insel Ruden - ohne fließendes Wasser und ständig verfügbarem Strom.Großansicht

Ruden (dpa) - Am Dienstag kämpfte sich der Seenotkreuzer «Eugen» ein letztes Mal durch das Eis vor der Ostseeinsel Ruden. Das 1700 PS starke Schiff brachte Frischwasser, Post und - was Ulla Toth besonders wichtig war - die Pute für den Weihnachtsbraten.

«Das Fest kann jetzt kommen», sagt die 61-Jährige erleichtert am Telefon. Wann der Seenotkreuzer ein nächstes Mal das Mini-Eiland zwischen Rügen und Usedom ansteuern kann, ist ungewiss. Das Hafenbecken ist zugefroren - und das Eis um die Insel wächst und wächst und wächst.

Ulla Toth und ihr Lebensgefährte Conrad Marlow leben seit sieben Jahren als einzige Bewohner auf Ruden. «Einen so frühen Winter mit Eis haben wir noch nie erlebt», sagt Ulla. An den Bäumen glitzert der Reif, Schnee überzieht den sandigen Boden und die flachen Grasflächen. Statt des permanenten Grundgeräusches rauschender Wellen herrscht ungewohnte Stille. Ulla Toth und ihr Lebenspartner Conrad Marlow haben sich auf ein dreimonatiges autarkes Leben auf dem Ruden eingerichtet - mit 2000 Liter Frischwasser, ausreichend Kraftstoff für den Generator und Lebensmitteln. «Bis zum März kommen wir mit unseren Vorräten aus», zeigen sich die beiden nach den Erfahrungen des letzten Eiswinters zuversichtlich. Irgendwie hatte der Winter doch gerade erst aufgehört?

Seit November hat Ulla Toth gekocht und gebraten: Die Einweckgläser mit Rinder- und Schweinebraten sowie dem geliebten Mecklenburger Rippenbraten stehen in Regalen im Keller neben Kartoffelsäcken, Apfelstiegen und Brotmehl. Strom wird über einen Generator erzeugt. Vor allem am Abend, wenn Conrad Marlow den Generator für den Fernseher anwirft, weiß er sein privilegiertes Leben zu schätzen. Die TV-Bilder von frierenden Bahn- und entnervten Flugreisenden, vom Verkehrschaos auf Deutschlands Straßen sieht Marlow mit entspannter Gelassenheit. «Den Stress haben wir hier nicht», sagt der 59-Jährige.

Vor sieben Jahren hatte das Paar genau dieser Geschäftigkeit auf dem Festland den Rücken gekehrt. Den Schritt in ihr neues Leben haben sie bis heute nicht bereut. Eine schwere Erkrankung hatte den früheren Gaststättenbetreiber im Jahr 2003 gezwungen, seinen von Hektik geprägten Alltag zu überdenken. Es war ein glücklicher Umstand, dass zu diesem Zeitpunkt der langjährige Insel-Vorbewohner aus Altersgründen aufs Festland zog. Im Jahr 2004 siedelten Ulla Todt und Conrad Marlow vom mecklenburgischen Festland auf die vorpommersche Insel über.

Trotz der winterlichen Ruhe ist das Leben auf der Insel keinesfalls eingefroren. «Wir haben keine Langeweile», weist Conrad jeden Verdacht zurück. In den turbulenten Sommermonaten mit immerhin rund 14 000 Tagesausflüglern pro Jahr arbeitet das Paar als Naturschutzwarte für die mecklenburg-vorpommerschen Umweltbehörden und führt die Besucher über die ehemalige Lotseninsel. Die Zeit im Winter nutzen die beiden, um ihren Jahresbericht für die Behörden zu schreiben. Zudem wollen sie in den Wintermonaten das kleine Inselmuseum neu gestalten. «Das Leben hier ist ein Traum», schwärmt Conrad Marlow.

Doch das harte Wetter fordert in diesem Jahr auch von den Robinsonen seinen Tribut. Da der Seenotkreuzer die Insel nicht mehr ansteuern kann, können die inzwischen erwachsenen Kinder der Beiden nicht auf die Insel übersetzen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Doch anders als früher halten sie mit Telefon und E-Mail Kontakt zum Rest der Familie. So einsam ist das Leben auf einer Insel eben doch nicht.

Wetter / Ostsee
23.12.2010 · 11:50 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
Es liegen momentan keine neuen Nachrichten vor.
 

News-Suche

 

News-Archiv

 
Diese Woche
17.10.2017(Heute)
16.10.2017(Gestern)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen