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Leichensuche im Schatten der Atomruine

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Tokio/Wien (dpa) - Knapp fünf Wochen nach Beginn der Katastrophe hat im Schatten der Atomruine von Fukushima die Suche nach verstrahlten Leichen begonnen. Rund 300 Männer in weißen Overalls, mit Atemschutz und Gummihandschuhen durchsuchten am Donnerstag das innere Evakuierungsgebiet.

Rund um das AKW durchforsteten sie ein Gebiet in etwa von der Größe der Bankenmetropole Frankfurt am Main. Offiziell suchten die Mannschaften nach Vermissten, doch ernsthaft glaubt niemand mehr, noch Überlebende zu entdecken. Mit Holzstangen und schweren Maschinen arbeiteten sich die Männer durch die radioaktiv schwer verstrahlte Gegend.

Gute Nachrichten gibt es an diesem Tag keine. Die Kühlanlagen der außer Kontrolle geratenen Meiler funktionieren immer noch nicht. Tepco zufolge hat sich die Strahlung im Grundwasser am Reaktor zudem in nur einer Woche verzehnfacht. Und schon am Wochenende soll der Wind drehen und radioaktive Partikel zur Millionenmetropole Tokio wehen.

Neben dem Suchtrupp sind auch Teams zur Messung radioaktiver Strahlung und zur Bergung der Leichen eingesetzt. Denn bevor die verstrahlten Leichen abtransportiert werden können, müssen sie abgewaschen werden. Bisher wurden mehr als 13 300 Todesopfer des Bebens und Tsunamis identifiziert. Mehr als 15 000 Menschen werden jedoch noch immer vermisst.

Ungeachtet weiterer Nachbeben versuchten die Arbeiter des Stromkonzerns Tepco in den Meilern verzweifelt, die havarierten Reaktoren unter Kontrolle zu bringen. Schier unermüdlich pumpten sie Wasser in die Reaktoren 1 bis 3, wie die Nachrichtenagentur Jiji Press meldete. Um Wasserstoff-Explosionen in Reaktor 1 zu verhindern, füllten sie zudem Stickstoff ein. In der Nacht zu Donnerstag hatten Arbeiter zudem damit begonnen, radioaktive Trümmer vom Werksgelände zu entfernen, um den Zugang zu den Reaktoren zu erleichtern. In Sicherheitsbehältern soll der Müll später in Entsorgungslager gebracht werden.

Tepco gab zudem bekannt, dass einige der gelagerten Brennstäbe in Reaktor 4 beschädigt sind, berichtete die Agentur Kyodo. Dies habe die Untersuchung einer Wasserprobe aus dem Meiler ergeben. «Die meisten sind aber vermutlich in einem guten Zustand», hieß es. Tepco erhofft sich mehr Klarheit durch den Einsatz einer unbemannten Drohne, mit der in die Anlage geschaut werden kann.

Für Japans Regierungschef Naoto Kan wird die Atomkatastrophe immer mehr zur persönlichen Belastungsprobe. Die Opposition und auch Parteifreunde werfen dem Premier Unfähigkeit im Umgang mit der Krise vor. Am Vortag hatte Kan zunächst erklärt, die Evakuierungszone rund um die Atomruine bleibe für die nächsten 10 bis 20 Jahre unbewohnbar. Später dementierte er, dies überhaupt gesagt zu haben. Regierungssprecher Yukio Edano erklärte daraufhin, man nehme es ernst, dass dies die Menschen verunsichert habe. Zugleich betonte er, dass die Regierung ihre Kommunikation mit Behörden und Anwohnern verbessern wolle.

Hoffnung konnten die Japaner an diesem Tag nur aus dem ersten Besuch des japanischen Kaiserpaars in der Katastrophenregion ziehen. Kaiser Akihito und seine Gemahlin Michiko besuchten zunächst zwei Notunterkünfte in der Stadt Asahi in der Tokioter Nachbarprovinz Chiba. Nach Angaben des kaiserlichen Haushofamts will das beliebte Monarchenpaar noch weitere Gebiete, darunter die am schwersten verwüsteten Provinzen Fukushima, Myagi und Iwate besuchen.

Landwirte aus der Umgebung der Atomruine forderten unterdessen von Tepco rasche Entschädigungszahlungen. In einem Protestbrief kritisierten die Bauern, Tepco habe sie nicht über die negativen Folgen der Strahlung aufgeklärt und sich nicht entschuldigt. Wegen der radioaktiven Strahlung und den Handelsbeschränkungen für Waren aus der Region müssten viele Bauern über die Aufgabe ihrer Höfe nachdenken. «Wir entschuldigen uns für die entstandenen Probleme und nehmen den Protest sehr ernst», sagte Tepco-Chef Masataka Shimizu.

Während Japan am Donnerstag ein bestehendes Handelsverbot für das Blattgemüse Kakina aus der Präfektur Tochigi aufhob, verschärften die USA und Südkorea ihre Einfuhrbeschränkungen von Lebensmitteln aus bestimmten Gebieten in Japan. Das deutsche Verbraucherschutzministerium hält dies für überflüssig. «Die EU hat bereits strenge Auflagen für Waren aus den zwölf japanischen Präfekturen erlassen, die an Fukushima angrenzen», hieß es am Donnerstag in Berlin. Zudem dürften Waren aus diesen Regionen nur exportiert werden, wenn sie in Japan zuvor auf mögliche Belastung untersucht wurden.

Die 72 Staaten, die Kernkraft nutzen, wollen aus dem Unfall im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Lehren ziehen. Das geht aus dem Abschlussbericht der fünften Überprüfungskonferenz des Übereinkommens über nukleare Sicherheit hervor, der am Donnerstag in Wien veröffentlicht wurde. Der Leiter der Konferenz Li Ganjie, Chinas höchster Verantwortlicher für nukleare Sicherheit, sagte: «Wir glauben, dass es notwendig ist, die Fähigkeit, äußeren Einflüssen standzuhalten durch die Bauweise von Atomkraftwerken zu verbessern.»

Erdbeben / Atom / Japan
14.04.2011 · 17:04 Uhr
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