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Lage in Fukushima spitzt sich zu

Angestellte der AKW-Betreiber bei Reparaturarbeiten am Fukushima-Reaktor Eins und Zwei. Bild: Nuclear and Industrial Safety AgencyGroßansicht

Tokio/Berlin (dpa) - Die Lage am Atomkraftwerk Fukushima verschärft sich immer mehr. Aus der Ruine dringt stark radioaktiv belastetes Wasser. Vermutlich ist ein wichtiger Reaktormantel beschädigt. An mehreren Blocks stand Wasser, das 10 000-fach stärker strahlte als gewöhnlich.

Die Arbeiter mussten sich deshalb erneut zurückziehen, die Kühlungsarbeiten standen still. Regierungschef Naoto Kan bezeichnete die Lage zwei Wochen nach dem Großbeben als sehr ernst: «Wir sind noch nicht in einer Position, in der wir optimistisch sein können.» Die Zahl der Erdbebentoten stieg auf über 10 000. In Deutschland kamen minimale Mengen Radioaktivität an.

Kan betonte in seiner Ansprache, die Regierung tue «das Äußerste», um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Er dankte den Arbeitern am Krisen-AKW: Sie riskierten ihr Leben. Die Verstrahlten hätten sein Mitgefühl.

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte derweil, die AKW-Havarie auf die höchste Stufe der internationalen Atomunfallskala einzuordnen. Das wäre Stufe 7 der Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES). Aus der Atomanlage seien schon jetzt entsprechend große Mengen an Radioaktivität entwichen, teilte Greenpeace mit. Die japanischen Behörden sprechen bisher nur von Stufe 5. Greenpeace-Atom-Experte Christoph Lieven sagte der dpa, die Kernschmelze finde sicherlich schon statt.

An Fukushima Eins wurde nun schon an drei Meilern hoch radioaktiv belastetes Wasser entdeckt. Das Wasser stoppte am Freitag die Einsätze der Arbeiter an den Reaktoren 1 und 2, wie die Nachrichtenagenturen Kyodo und Jiji Press berichteten. Es wurde im Untergeschoss der Turbinenräume entdeckt - genau wie am Donnerstag bei Block 3. Die Techniker mussten sich zurückziehen. Wie Kyodo unter Berufung auf die Betreiberfirma Tepco meldete, war am Meiler 1 die Radioaktivität im Wasser 10 000 Mal so hoch wie üblich.

Die beiden Arbeiter, die am Donnerstag in einem Keller neben Reaktor 3 verstrahlt wurden, standen nach Angaben von Tepco in Wasser mit einer Radioaktivität von 3,9 Millionen Becquerel pro Kubikzentimeter. Auch dieser Wert sei etwa 10 000 Mal so hoch wie in solchen AKW üblich. Die Atomsicherheitsbehörde NISA hatte von einer Dosis von 170 bis 180 Millisievert gesprochen, die die Arbeiter abbekamen. Die Maßeinheit Sievert zeigt, wie groß die Wirkung der radioaktiven Strahlung auf Menschen ist. Die beiden verletzten Arbeiter sollen am Montag wieder aus der Behandlung entlassen werden.

Vermutlich seien an Block 3 der Reaktorbehälter oder das Abklingbecken für abgebrannte Kernbrennstäbe beschädigt, berichtete der Betreiber Tepco. Die Atomaufsichtsbehörde NISA fügte an, das Wasser in dieser Anlage komme vermutlich vom Kern des Reaktors. Die Berichte schürten neue Angst vor einer Kernschmelze. Der Mantel ist so wichtig, weil er verhindert, dass Massen an Radioaktivität ungebremst in die Umwelt drängen.

Block 3 gilt wegen seines Plutonium-Gehalts als besonders gefährlich. In den nächsten Tagen treibt der Wind die radioaktiven Partikel aus den Unglücksreaktoren jedoch auf das offene Meer - und nicht etwa in Richtung der Millionenstadt Tokio.

Tepco begann am Freitag damit, Reaktor 1 und 3 mit Süßwasser zu kühlen - das ist besser als Meerwasser, da dieses die Brennstäbe verkrustet. Auch Block 2 sollte am Samstag mit Süßwasser gekühlt werden.

Das Erdbeben und der Tsunami am 11. März hatten bei mehreren Reaktoren der Anlage Fukushima Eins die Kühlung zerstört. Seitdem entweicht radioaktives Material unter anderem über kleinste Teilchen, Dampf, Staub und Wasser in die Luft. Um das Kraftwerk gilt eine 20 Kilometer große Evakuierungszone. Nun forderte die Regierung die Bewohner im Umkreis zwischen 20 und 30 Kilometern Entfernung vom AKW auf, freiwillig die Gegend zu verlassen. Die Regierung steht seit Tagen in der Kritik, weil sie die Evakuierungszone nicht offiziell ausweitet.

Die Zahl der bisher registrierten Opfer nach Beben und Tsunami hat nach Medienberichten inzwischen die Marke von 10 000 überschritten. Der Fernsehsender NHK berichtete von 10 035 Toten am Freitagmorgen (Ortszeit). Rund 17 500 Menschen gelten als vermisst. Noch immer leben mehr als 240 000 Menschen in Notunterkünften. Es fehlt weiter an Wasser, Heizmaterial, Treibstoff und Medikamenten.

Japan muss sich auf einen massiven konjunkturellen Einbruch einstellen. Wenn der Internationale Währungsfonds (IWF) Mitte April neue Prognosen veröffentlicht, wird für Japan mit einer drastischen Korrektur nach unten gerechnet. Japan verfüge aber über genügend Rücklagen, um den Wiederaufbau aus eigener Kraft zu finanzieren, sagte der IWF-Missionschef für Japan, Mahmood Pradhan.

Die Lebensmittelkontrollen in Deutschland wie in der gesamten EU werden angesichts des Atomunglücks verstärkt. «Künftig dürfen Lebensmittel aus den betroffenen japanischen Regionen nur noch in Deutschland eingeführt werden, wenn sie in Japan streng kontrolliert und zertifiziert wurden», teilte Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner mit.

Erstmals wurde in Deutschland radioaktives Jod aus Japan gemessen. Die Dosis sei absolut unbedenklich, sagte eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums. Die Ankunft der radioaktiven Partikel war von Fachleuten erwartet worden.

Atom / Japan
25.03.2011 · 19:47 Uhr
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