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Lage in Chiles Erdbebengebieten zunehmend explosiv

Ein chilenischen Polizist greift bei der Mehlverteilung hart durch.Großansicht
Concepción (dpa) - Die Lage in den chilenischen Erdbebengebieten wurde am Montag zunehmend explosiv. Aus Vororten der Stadt Concepción, die von dem verheerenden Beben mit mehr als 700 Toten besonders schwer betroffen wurde, waren Schüsse zu hören.

Es sei zu Schießereien zwischen bewaffneten Bürgerwehren, Plünderern und dem Militär gekommen, hieß es. In der Gemeinde San Pedro de la Paz seien zwei Menschen durch Schüsse getötet worden, sagte die Dozentin der Journalistenschule der Universität von Chile, Claudia Lagos, der Deutschen Presse-Agentur dpa. In Concepción standen ein Kaufhaus und ein Großmarkt nach Plünderungen in Flammen. Marineinfanteristen mit gepanzerten Fahrzeugen versuchten, ein Abgleiten der Großstadt in die Anarchie zu verhindern und gaben Schüsse in die Luft ab.

Allerdings sahen sich viele normale Bürger zu Einbrüchen und Plünderungen von Lebensmittelgeschäften gezwungen, da auch zwei Tage nach dem Beben der Stärke 8,8 noch immer kaum Wasser und Lebensmittel in der Stadt angekommen waren. Die Versorgung mit Wasser, Strom und Gas ist ebenfalls seit dem Beben am Samstagmorgen unterbrochen. Kriminelle Elemente nutzten das allgemeine Chaos für Plünderungen und Raubüberfälle. Mit vorgehaltener Pistole drangen sie sogar in Privathäuser ein und beraubten die Bewohner.

Bürger schlossen sich deshalb zusammen und blockierten ganze Straßenzüge. An Straßensperren wurden nur Bekannte und Anwohner durchgelassen. Auf Unbekannte, die sich trotz Warnungen den Absperrungen näherten, eröffneten die Bürger das Feuer.

Flugzeugabsturz

Unterdessen verunglückte eine kleine Propellermaschine auf dem Weg nach Concepción. Die sechs Menschen an Bord seien dabei ums Leben gekommen, hieß es. Bei den Passagieren habe es sich um Helfer sowie um Mitarbeiter einer Universität gehandelt, die den Zustand von Studentenwohnheimen überprüfen sollten, teilte die Behörde für Zivilluftfahrt mit.

Die Behörden hatten schon am Vortag den Ausnahmezustand über die besonders betroffenen Regionen Maule und Bíobío verhängt. Außerdem galt für Concepción eine nächtliche Ausgangssperre. In einigen Orten galt die Ausgangssperre sogar schon ab 12.00 Uhr mittags.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte dem südamerikanischen Land Hilfe beim Wiederaufbau zu. In einem Telefonat mit Präsidentin Michelle Bachelet stellte Merkel über die Nothilfe hinaus Unterstützung in Aussicht, teilte Vize-Regierungssprecherin Sabine Heimbach in Berlin mit. «Die Bundesregierung steht bereit, bei der Bewältigung der Folgen zu helfen.» Auch bei der EU in Brüssel ging eine Bitte um Hilfe aus Chile ein. Benötigt würden vor allem Unterstützung beim Bau von Brücken, medizinische Betreuung, Anlagen zur Wasseraufbereitung und Telekomverbindungen, sagte die EU- Außenbeauftragte Catherine Ashton in Brüssel.

Clinton in Chile erwartet

US-Außenministerin Hillary Clinton wurde am Dienstagmorgen in Chile erwartet. Das teilte das argentinische Außenministerin in Buenos Aires mit, wo Clinton am Montagnachmittag im Rahmen einer Südamerika-Rundreise erwartet wurde. Die Politikerin wolle sich ein Bild von den Auswirkungen des Erdbebens verschaffen.

Minister: Zahl der Toten wird steigen

Die Zahl der registrierten Todesopfer wurde mit 711 angegeben. Die Zahl werde in Kürze weiter steigen, sagte Innenminister Edmundo Pérez Yoma. «In den Küstenregionen hat ein Tsunami ganze Ortschaften fortgerissen. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr schlechte Nachrichten werden wir bekommen.» Das Erdbeben vom Samstag ist das fünfstärkste Beben gewesen, das jemals gemessen wurde.

Die Rettungsbemühungen gingen trotz der Gewalt weiter. Helfer machten in Concepción in den Trümmern eines 14-stöckigen Gebäudes Lebenszeichen aus. Rund um die Uhr versuchten sie, zu den Eingeschlossenen vorzudringen. Schwierig war die Lage auch in dem kleinen Küstenort Pelluhue. Dort starben mindestens 40 der 3000 Einwohner durch die vom Beben ausgelöste Flutwelle. Fast der ganze Ort wurde durch eine nach Augenzeugen bis zu zehn Meter hohe Flutwelle zerstört. Sie traf den Ort 40 Minuten nach dem Beben. Viele Holzbauten verschwanden ganz.

Am Montag flüchteten die traumatisierten Überlebenden erneut in höher gelegene Gebiete, weil das Gerücht über einen neuen Tsunami umging. Es gab kein Wasser, keinen Strom und alle Lebensmittel waren vernichtet. Die Menschen brauchen vor allem um Wasser, Zelte und Decken. Vor allem in Maule und Bíobío gelten zahlreiche Menschen noch als vermisst. Die genaue Zahl der Obdachlosen war unbekannt. Bachelet hatte von 1,5 Millionen zerstörten oder beschädigten Wohnungen gesprochen.

Erdbeben / Chile
01.03.2010 · 22:39 Uhr
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