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Kurzurlaub für England-Sieger

Sami Khedira und Miroslav KloseGroßansicht
Erasmia (dpa) - Der Königsweg zum Titel lockt, doch erst einmal gönnt Joachim Löw den England-Helden um den neuen deutschen Müller eine besondere Belohnung.

Der Bundestrainer schickte sein umjubeltes, aber auch arg geschlauchtes Personal am Tag nach dem historischen Achtelfinalerfolg gegen die gezähmten englischen «Löwen» in Südafrika kurzerhand in einen 31-stündigen Kurzurlaub.

Einfach mal weg, Köpfe frei bekommen, andere Gesichter sehen und auch nicht über den Viertelfinal-Gegner Argentinien reden: «Jeder Einzelne ist froh darüber, ein paar Stunden abschalten zu können», erklärte Sami Khedira, bevor er wie seine Teamkollegen den «Ausbruch» aus dem DFB-Quartier mitten in der Pampa der Provinz Gauteng genoss. «Mein Vater und mein Bruder sind zu Besuch», verriet der Deutsch-Tunesier.

Am Dienstag um 23.00 Uhr müssen die 23 Spieler, die nach dem 4:1 über den Erzrivalen England auch international von Lob überschüttet wurden, wieder im Grand Velmoré Hotel sein. Erst am Mittwoch beginnt die heiße Vorbereitung auf das spezielle Duell gegen die Argentinier, die «Rache» für die Elfmeter-Niederlage gegen das DFB-Team vor vier Jahren bei der WM in Deutschland angekündigt haben. «Wir haben die Kommentare schon verfolgt», berichtete Miroslav Klose. Die Mannschaft will sich aber auf verbale Scharmützel nicht einlassen: «Wir haben auch die Qualität, Argentinien zu schlagen.»

«Argentinien ist eine Weltklassemannschaft. Erst England, jetzt Argentinien - wir haben ein hartes Programm», erklärte Abwehrspieler Arne Friedrich bereits in Anspielung auf den WM-Königsweg, der für Schwarz-Rot-Gold über den möglichen Halbfinal-Gegner Spanien bis ins Endspiel am 11. Juli nach Johannesburg führen könnte. Noch mit dem Adrenalin des England-Sieges im Blut verkündete Jung-Star Mesut Özil: «Wir werden Gas geben und eine Runde weiter kommen. Unser Traum ist der Titel, wir wollen jeden schlagen.» Und der junge Torjäger Müller schloss selbstbewusst an: «Wir müssen sowieso jeden putzen.»

Auf jeden Fall wurde der Sahnetag von Bloemfontein von Fans und Experten gleichermaßen als Geburtsstunde einer möglichen neuen großen deutschen Nationalmannschaft notiert. 87,2 Prozent aller deutschen Fernsehzuschauer waren beim Klassiker dabei. Millionen vor großen Video-Leinwänden diskutierten neben den zwei Müller-Treffern auch das nicht gegebene «Bloembley-Tor». Löw räumte zum Latten-Abpraller von Frank Lampard, der die Debatten um technische Hilfsmittel im Fußball neu befeuert, klar ein: «Ich habe im Fernsehen gesehen, dass der Ball hinter der Linie war. Das hätte man als Tor pfeifen müssen.»

Doch der Achtelfinalerfolg von Löws «Boy Group» bleibt trotz des verständlichen englischen Ärgers verdient. Sie habe echten Teamgeist gezeigt und allen verdeutlicht, «dass sie eine etwas andere deutsche Mannschaft ist - fußballerisch hat sie absolut überzeugt», betonte Oliver Bierhoff. «Es ist ein Gesamtbild, das wir hier abgeben, und ein Gesamterfolg. Und Jogi gibt die Richtung vor», nannte der wohl nach der WM ausscheidende Teammanager einen Hauptgrund für das große Ausrufezeichen. «So einen guten Teamgeist haben wir noch nie gehabt. Und ich bin auch schon acht Jahre dabei», sagte Arne Friedrich.

In der Defensive konzentrierter als in der Gruppenphase, offensiv mit großen Möglichkeiten - «die Mannschaft hat aus dem Ghana-Spiel gelernt. Nach vorne hat sie gegen die Engländer fast jede Möglichkeit genutzt», bilanzierte Chefcoach Löw, der sich auch im Hinblick auf seine persönliche Zukunft in eine immer bessere Position bringt. Bierhoff machte den weiteren Weg mit Löw beim DFB am Montag ein weiteres Stückchen frei, indem er seine eigenen Pläne nicht mehr ausdrücklich mit denen des Bundestrainers verknüpfte. Löw solle «in seinem Kopf frei in seiner Entscheidung von mir sein. Jogi wird auch ohne mich Erfolg haben», erklärte Bierhoff im «kicker».

Ob Löw die neue Generation um Müller, Khedira und Özil schon in Südafrika oder erst später ganz nach oben führen kann, bleibt die große Frage. Die Zuversicht hat der 50-Jährige schon eingepflanzt: «Ich spüre bei den Spielern die Überzeugung und den Mut.» Von einer Favoritenrolle auf den WM-Titel wollte Löw aber noch nichts wissen. «Die Gegner werden nicht einfacher», warnte auch der Mann mit dem legendären deutschen Fußballer-Namen Müller.

Gerd Müller hält als «Bomber der Nation» mit 68 Treffern in 62 Länderspielen noch immer mit Abstand den DFB-Tore-Rekord. Der 20-jährige Münchner Aufsteiger Thomas Müller kann jetzt schon auf drei WM-Tore verweisen. «Jetzt ist es wichtig, die Zeit bis Samstag zu nutzen. Fünf Tage sind Luxus», betonte der neue Müller - und dieser Luxus begann ausnahmsweise mal ohne Fußball.

Fußball / WM / England / Deutschland
28.06.2010 · 23:16 Uhr
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