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Kritik im Internet - Der böse Gauck

Fragt man Joachim Gauck nach der Bedeutung von Freiheit und Demokratie, dann kann der 72-Jährige davon erzählen, dass einem warm ums Herz wird. Gauck versteht es wie kein Zweiter, schwierige Inhalte in kluge Worte zu kleiden. Überzeugend und bürgernah vermittelt der designierte Bundespräsident den Menschen, worauf es in der Bundesrepublik ankommen sollte. Dafür wird er geschätzt. Doch das positive Bild, das die Bevölkerung von ihm hat, erfährt im Netz erste Dellen.

Wir erinnern uns: Als Joachim Gauck im Juni 2010 im Kampf um das Amt des Bundespräsidenten von SPD und Grünen nominiert war, schoss seine Popularität gerade im Internet in ungeahnte Höhen. Menschen organisierten sich zu Zehntausenden in Facebook-Gruppen und kürten ihn beim Kurznachrichtendienst Twitter zu ihrem Favoriten. Wäre das Rennen um die Köhler-Nachfolge an den Bildschirmen entschieden worden - Gauck wäre schon damals oberster Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland geworden.

Etwa eineinhalb Jahre sind seitdem vergangen, doch auch für den Bürgerrechtler beweist sich das Sprichwort: Das Internet vergisst nie. Unzählige Interviews hat Gauck in der Zwischenzeit gegeben. Nun kursieren vereinzelte und aus dem Zusammenhang gerissene Aussagen daraus durch die Facebook- und Twitterlandschaft. Sie werden benutzt, um Stimmung zu machen: diesmal gegen Gauck.

In einem Interview wurde Gauck etwa zu seiner Einstellung zur weltweiten Occupy-Kampagne, also den Bankenprotesten, gefragt. Mit einem knappen «unsäglich albern» beginnt seine sehr ausführliche Antwort, aber nur die beiden Worte wandern als Zitat durch das Internet.

Was Gauck in der langen Antwort eigentlich sagt, was aber nun beim Aufbauen einer Gegenstimmung vollkommen ignoriert wird, ist, dass die deutsche Protestkultur von Hysterie geprägt sei. Das wiederum läge an den Politikern, die den Menschen nicht ausreichend erklären, warum welche Entscheidung getroffen wird. Proteste als Mittel zum Meinungsaustausch findet Gauck wichtig. Wie könnte er auch nicht: Sie haben seine persönliche Geschichte geprägt. Er weiß um ihre Bedeutung.

Ist er nun unser Bundespräsident oder nicht?

Auch als Sarrazin-Fan wird der baldige Bundespräsident von seinen Gegnern bezeichnet. Der Grund: In einem Interview soll der ehemalige Pastor einst Thilo Sarrazin beigestanden haben. Erneut wird ein Wort aus einem langen Interview genutzt, um Stimmung gegen Gauck zu machen. «Mutig» nannte dieser den umstrittenen Autor. Was unterschlagen wird, ist die Tatsache, dass der 72-Jährige lediglich das Anstoßen einer Integrationsdebatte mutig findet - nicht jedoch die wirren Aussagen Sarrazins zum Erbgut ausländischer Mitbürger. Auch hier fallen Gaucks Antworten deutlich differenzierter aus, als sie derzeit durch das Internet getragen werden.

Mit der Twitter-Kennzeichnung #notmypresident («Nicht mein Präsident»), mit der ursprünglich gegen den US-Präsidenten George W. Bush und später gegen den Bundespräsidenten Christian Wulff gewettert wurde, wird nun auch Gauck auf dem Kurznachrichtendienst stigmatisiert. Alles das, weil winzige Aussagen aus langen Interviews gerissen werden, ohne deren inhaltlichen Bezug sicher zu stellen. Schneeballartig breiten sich die kurzen Statements aus und denunzieren einen Mann, der vor nicht allzu langer Zeit noch einen beachtlichen Hype erleben durfte.

Dieser ebbt nun auch deshalb ab, weil sich der konservative Gauck auf einer Diskussion zur Vorratsdatenspeicherung relativ liberal präsentierte. Dort hatte Gauck erklärt, dass die Bürger «wissen (müssen), dass etwa die Speicherung von Telekommunikationsdaten nicht der Beginn eines Spitzelstaates ist». Diese Aussage trägt ebenfalls zur Anti-Gauck-Haltung im Internet bei.

Unberücksichtigt bleibt auch diesmal der übrige Kontext, in dem Gauck diesen einen Satz gesagt hat und was er damit meint: «Wenn der Staat Rechte beschneidet, dann muss es verhältnismäßig sein. Ich will tragfähige Belege, was das Ganze bringt.» Im Kern hebt Gauck einmal mehr hervor, wie wichtig es ist, dass Politiker ihre Entscheidungen besser erklären müssen. Nur wenn alle Seiten über den gleichen Wissenstand zu einer Sache verfügen, kann ein Gespräch auf Augenhöhe stattfinden. Eine Tugend, die von den Gauck-Protestlern derzeit wohlwollend ignoriert wird.

[news.de] · 21.02.2012 · 11:22 Uhr
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