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Köhler: Kirche nicht auf Missbrauchsskandal reduzieren

Bonn (dpa) - Die Missbrauchsskandale dürfen nach Ansicht von Bundespräsident Horst Köhler nicht den Blick verstellen für die großen Verdienste der katholischen Weltkirche.

In Afrika und Lateinamerika habe er Priester erlebt, «die in einem Chaos von Not und Elend ihren Auftrag erfüllt und den Menschen wahrlich Hoffnung gegeben haben», sagte Köhler in einem Interview des «Rheinischen Merkur». «Wenn ich dann erlebe, wie die jetzige Diskussion die katholische Kirche generell in Misskredit bringt, der in keinem Verhältnis zu ihrer Bedeutung und Leistung steht, dann bedrückt mich das auch als Protestant.»

Er finde es auch nicht richtig, dass jetzt katholische Priester oder Lehrer an Reformschulen einem pauschalen Generalverdacht ausgesetzt werden. «Das hat sachlich keine Grundlage und ist menschlich inakzeptabel», sagte Köhler, der am Mittwoch bei der Eröffnung des Ökumenischen Kirchentages in München (12. bis 16. Mai) ein Grußwort sprechen wird. Der Bundespräsident appellierte an die Kirchen, eine neue Innere Mission zu beginnen: «Kämpfen Sie um jeden Einzelnen. Sie haben einen Auftrag von Gott, seine Botschaft zu vermitteln, weil sie etwas Gutes ist, weil sie den Menschen hilft.»

Köhler bekannte sich zu seinem Glauben: «Das Christsein gibt mir Verwurzelung, Werte und lehrt mich vor allem Demut. Ich weiß, dass ich nicht auf alles letzte Antworten habe. Der Glaube an Gott gibt mir aber Grundzuversicht, und aus dem christlichen Glauben schöpfe ich Orientierung.»

Die katholische Kirche muss nach Ansicht Köhlers das Thema Missbrauch ehrlich und schonungslos aufarbeiten. Missbrauch komme aber auch in Reformschulen vor, in Internaten der evangelischen Kirche und mit Abstand am häufigsten in 80 bis 90 Prozent der Fälle in Familien und deren Umfeld. «Das heißt, wir haben ein tiefgehendes gesellschaftliches Problem», sagte Köhler. «Dem müssen wir uns widmen, anstatt die derzeitige Situation auszunutzen, um alte Vorurteile über der Kirche oder über reformpädagogischen Konzepten auszukippen.» Das sei nicht angemessen. Trotzdem gebe es keinen Zweifel, gerade auch die katholische Kirche müsse um ihre Glaubwürdigkeit und Authentizität kämpfen. «Ich wünschte mir, sie würde jetzt zu einer Reformkirche, zum Beispiel bei Fragen der Sexualmoral und der Rolle von Laien in der Kirche und der von Frauen in der Kirche», sagte Köhler.

Kirchen / Kirchentag
13.05.2010 · 12:55 Uhr
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