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Kirche reagiert auf wachsenden Missbrauchsskandal

Hochamt in der Sankt-Hedwigs-Kathedrale in Berlin: Viele Geistliche gedachten am Sonntag der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg.Großansicht
Hamburg (dpa) - Die katholische Kirche reagiert mit Scham und Schuldbekenntnissen, aber auch Schweigen auf den Missbrauchsskandal an deutschen Jesuiten-Schulen. Am Sonntag kam das tabuisierte Thema auch in Predigten in einigen katholischen Gotteshäusern zur Sprache.

Jedoch bieten nur wenige Bistümer möglichen Opfern offensiv ihre Hilfe an. Das ergab eine dpa-Auswertung der Internetseiten von allen 27 Bistümern und Erzbistümern. Nur fünf von ihnen hatten am Samstag eine offizielle Stellungnahme zu den Vorwürfen auf ihrer Startseite im Web. Die Zahl der bekannten Opfer stieg derweil auf etwa 40. Die Laien-Bewegung «Wir sind Kirche» forderte erneut mehr Aufklärung.

«Es wäre wohl wirklichkeitsfremd anzunehmen, dass nach den jetzigen Enthüllungen schon alles offenbar geworden ist», sagte der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, der Jesuit Hans Langendörfer, zu «Spiegel Online». «Aber wir wollen ausdrücklich die Aufklärung, damit wir helfen können. Die Enthüllungen zeigen ein dunkles Gesicht der Kirche, das mich erschreckt.» Bei ihrem Treffen vom 22. bis zum 25. Februar in Freiburg will die Bischofskonferenz das Thema erneut erörtern, so wie sie es schon öfter gemacht habe.

Die ganze Institution Kirche habe Schuld, weil sie für eine Mentalität nach dem Motto «Bitte nicht darüber reden» gesorgt habe, sagte Propst Martin Tenge im Sonntagsgottesdienst der Basilika St. Clemens in Hannover. In allen Kirchen des Bistums Hildesheim wurde am Sonntag ein Brief verlesen, in dem Bischof Norbert Trelle «mit Scham und Empörung» auf die Missbrauchsfälle reagierte und mögliche weitere Opfer aufrief, sich zu melden.

Von manchen Amtskollegen zeichnete Tenge ein erschütterndes Bild. «Teilweise kenne ich die Kombination des Priesters als Täter und Opfer. Wir sind in der Situation, in der wir uns sehr schämen müssen als Kirche.» Doch er sagte auch: «Missbrauch findet an so vielen Stellen statt und wird an so vielen Stellen nicht nach draußen gebracht.» Überall in der Gesellschaft müsse darauf mehr geachtet werden. Auch Bischof Trelle bat die Menschen in seinem Brief darum, vom Einzelfall nicht auf einen ganzen Berufsstand zu schließen.

In der St.-Hedwigs-Kathedrale - dem Bischofssitz des Erzbistums Berlin - sagte Dom-Kapitular Ulrich Bonin, es falle ihm schwer, «zu Beginn des Gottesdienstes nicht an die Opfer der Missbrauchsfälle zu denken». Es sei wichtig, auch an die zu erinnern, «die Schaden genommen haben». Es müsse Licht auf die Missbrauchsfälle fallen. «Aber es darf kein künstliches Licht sein, sondern ein Licht des Glaubens. Kein Blitzlichtgewitter des Medien-Hypes, sondern Gottes Licht.» Im Dom St. Blasius in St. Blasien im Schwarzwald wurde laut Predigttext allerdings nicht auf den aktuellen Skandal eingegangen.

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen sagte: «Ich bin der Leitung der Jesuiten dankbar, dass sie jetzt so schnell und konsequent reagiert hat, damit Licht in dieses Dunkel kommt.»

Am Berliner Jesuiten-Gymnasium Canisius-Kolleg, wo vor zehn Tagen der Skandal um sexuellen Missbrauch zuerst bekanntwurde, steige die Zahl der Betroffenen von Tag zu Tag, berichtete die «Berliner Morgenpost» unter Berufung auf die Anwältin Ursula Raue, die von dem Orden mit einer Untersuchung beauftragt wurde. «Insgesamt dürften es jetzt um die 30 Opfer sein», zitierte das Blatt die Anwältin.

Zusammen mit den anderen bekanntgewordenen Fällen summiert sich die Zahl der Opfer inzwischen auf etwa 40. Von allen drei deutschen Jesuiten-Gymnasien - in Berlin, Bonn und St. Blasien im Schwarzwald - sowie einer ehemaligen Ordensschule in Hamburg sind Fälle bekannt. Die meisten ereigneten sich in den 70er und 80er Jahren.

Das Erzbistum Berlin gehört zu den wenigen Diözesen, die im Internet aktiv auf die Affäre eingehen. Auch das Bistum Hildesheim und das Erzbistum Hamburg, die ebenfalls direkt betroffen sind, äußern sich auf den Startseiten ihrer Homepages zu dem Skandal. Auch das Bistum Osnabrück hatte einen Text zum Thema, während Köln auf seiner Startseite meldete: «Erzbistum rechnet 2010 mit weniger Kirchensteuern.»

Mit ihren Stellungnahmen verlinkten die Internetseiten meist zu den offiziellen Ansprechpartnern der Bistümer für Opfer sexuellen Missbrauchs durch Geistliche. Diese Stellen waren 2002 nach einer neuen Leitlinie der Deutschen Bischofskonferenz in allen Bistümern eingerichtet worden. Auf den Homepages vieler Bistümer waren die Ansprechpartner allerdings nur schwer zu finden: Häufig mussten mehrere Untermenüs angesteuert werden.

Einem Bericht des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» zufolge sind fast 100 Mitarbeiter der katholischen Kirche in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren unter Missbrauchsverdacht geraten. Eine Umfrage bei allen 27 deutschen Bistümern, von denen 24 antworteten, habe ergeben, «dass seit 1995 mindestens 94 Kleriker und Laien unter Missbrauchsverdacht geraten sind», berichtete das Hamburger Magazin.

Die Bewegung «Wir sind Kirche» forderte am Sonntag erneut, «endlich die tieferen, strukturellen Ursachen in den Blick zu nehmen: die strikte Sexualmoral, ein überhöhtes männliches Priesterbild und autoritäre hierarchische Strukturen.» Ohne eine Enttabuisierung in der Sexuallehre und eine grundlegende Änderung in der Einstellung zur menschlichen Sexualität werde «der Teufelskreis von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt in der römisch-katholischen Kirche nicht zu durchbrechen sein».

«Wir sind Kirche» erinnerte auch an die großen Missbrauchsskandale in den katholischen Kirchen Österreichs, der USA, Australiens und Irlands in den vergangenen Jahren. «Für die Opfer und auch für die Kirche selber wäre es das Schlimmste, wenn dieses Thema, so schwierig es auch ist, nach einigen vagen Entschuldigungen wieder in der Versenkung verschwinden würde.»

Wir sind Kirche: http://dpaq.de/VMWEJ

Link zu Bistümern: www.dbk.de/bistum/index.html

Kriminalität / Kirchen / Schulen
07.02.2010 · 17:50 Uhr
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