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Kein Chile-Spiel: Ballack & Co. wollen trauern

Bundestrainer Joachim Löw verlässt in Bonn das Quartier der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der DFB hat das Länderspiel gegen Chile am 14.11.2009 abgesagt.
Bonn (dpa) - Trauer statt Fußball - die tiefe Bestürzung von Michael Ballack & Co. über den Selbstmord von Robert Enke hat den DFB zur Absage des Länderspiels gegen Chile bewegt.

Diese Entscheidung sei «alternativlos» gewesen, betonte Verbandschef Theo Zwanziger am Mittwoch nach seinen Erlebnissen im Quartier der Nationalmannschaft in Bonn. Teammanager Oliver Bierhoff konnte auch bei der emotionalen Pressekonferenz, die mit einer Schweigeminute begonnen hatte, an der Seite des Präsidenten die Tränen nicht zurückhalten und sagte mit schluchzender Stimme: «So wie ich mich jetzt fühle, fühlen sich auch die Spieler.»

Bundestrainer Joachim Löw fiel es am Tag nach der Tragödie um Nationaltorhüter Enke, der sich am Dienstagabend vor einen Zug geworfen hatte, schwer, seine Fassungslosigkeit zu beschreiben. «Niemand fühlt sich in der Lage, in dieser Situation einfach zur Tagesordnung überzugehen. Wir haben einen Freund verloren. Das ist ein Moment, bei dem man auch im Fußball innehalten muss», teilte der Bundestrainer auf DFB-Internetseite mit. Am Abend wollte er zusammen mit Ballack, der Enke seit dem 13. Lebensjahr kannte, seinem kompletten Trainerteam, Manager Bierhoff und Präsident Zwanziger an einem Gedenk-Gottesdienst für Enke in Hannover teilnehmen. Erst nach der am Sonntag geplanten Trauerfeier soll sich Löws Aufgebot in Düsseldorf wieder versammeln, um sich dann auf das letzte Länderspiel des Jahres am 18. November in Gelsenkirchen gegen WM-Teilnehmer Elfenbeinküste vorzubereiten.

Eine Absage eines deutschen Länderspiels hatte es zuletzt am 20. April 1994 gegeben. Damals hatte allerdings der englische Verband aus Sicherheitsbedenken ein geplantes Freundschaftsspiel in Berlin abgesagt. Dieses Mal sah der DFB keine andere Handlungsmöglichkeit. Alle mit der Absage verbundenen Maßnahmen, wie die Rücknahme der Eintrittskarten, «sind lösbar», sagte Zwanziger und hob hervor: «Im Mittelpunkt hat Robert Enke zu stehen.»

In einem bewegenden Gespräch im Teamhotel hatte sich der Spielerrat um Kapitän Ballack für die Absage ausgesprochen. Er habe Spieler erlebt, «die nicht sofort wieder zur Tagesordnung übergehen, sondern ehrliche Trauer zeigen und die zeigen, dass sie dafür Zeit brauchen», berichtete Zwanziger. Die Spieler verließen noch am Nachmittag das Quartier in Bonn. «Die Mannschaft will sich von Robert verabschieden. Es hätte auch ein Abschiedsspiel gegen Chile sein können, aber es ist ein klares Gefühl, dass es zu früh käme», erläuterte Teammanager Bierhoff. Der ruhige und stets freundliche Enke zählte zu den beliebtesten Akteuren in der DFB-Auswahl.

Spieler, Betreuer und Funktionäre hatten vor TV-Schirmen auch bewegt die Ausführungen von Enkes Witwe vernommen, die nochmals den besonderen Antrieb ihres verstorbenen Mannes herausstrich. Es wäre für Robert Enke so schön gewesen, «bei der Mannschaft zu sein, mit den Jungs Spaß zu haben», berichtete Teresa Enke. Der achtmalige Nationalspieler Enke hatte schon seit Jahren unter Depressionen gelitten. Beim DFB waren von dieser Enthüllung alle überrascht. «Keiner, aber wirklich keiner, hat irgendeinen Anlass gehabt, zu glauben, dass Robert Enke an dieser Krankheit leidet», berichtete Bierhoff. Enke habe eine «unglaubliche Ausstrahlung» auf das Team gehabt, berichtete der Manager. Man sei «erschüttert».

Zwanziger zollte der Witwe «höchsten Respekt» für ihren mutigen Auftritt in Hannover. Der DFB-Chef, der den richtigen Tonfall traf, sprach von «übermenschlicher Kraft», die es für Teresa Enke bedeutet habe, «keine 24 Stunden nach dem Tod vor die Öffentlichkeit zu gehen. Sie hat es getan, um uns eine Botschaft mitzugeben», sagte Zwanziger. Die auch im Kreise der deutschen Elitekicker schon in der Nacht nach der Todesnachricht diskutierte Frage nach dem «warum» könne auch er nicht beantworten, sagte der DFB-Chef. Er forderte für die Zukunft mehr Aufmerksamkeit: «Wir dürfen es nie zulassen, dass ein Mensch, der mit diesem Freitod soviel aufgeben muss, in eine so alternativlose Entscheidung gerückt wird.»

Am 12. August dieses Jahres, beim 2:0 im WM-Qualifikationsspiel in Baku gegen Aserbaidschan, hatte Enke sein letztes von nur acht Länderspielen bestritten. Danach war er von Löw zur Nummer 1 bis zum Jahresende im Vierkampf um den Torhüterposten bei der WM 2010 erklärt worden. Zuletzt dabei war Enke Anfang September beim 2:0 in Leverkusen gegen Südafrika, als aber Lokalmatador René Adler zwischen den Pfosten stand. Zwei Tage später hatte er - offiziell wegen einer Bakterien-Erkrankung - das Team verlassen müssen. Nach Enkes Selbstmord machten seine Witwe und sein Arzt bekannt, dass der Torwart an Depressionen und Versagensängsten litt. Dies wollte er aber über Jahre nicht öffentlich machen.

Als Nationalspieler hatte bisher nur Sebastian Deisler seine psychische Erkrankung bekanntgemacht. Im Januar 2007 beendete der damals 27-Jährige nach nur 36 Länderspielen seine Laufbahn. Enke hat diesen Schritt nicht gewagt. «Ich bin fassungslos. Mir fehlen die Worte», sagte Ballack und drückte damit die Stimmung im Team aus.

Fußball / Enke / DFB / Deutschland
11.11.2009 · 23:42 Uhr
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