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Karadzic: Muslime waren Schuld am Bosnienkrieg

Radovan KaradzicGroßansicht
Den Haag (dpa) - Im Prozess um den schlimmsten Völkermord in Europa seit dem Holocaust hat der angeklagte Ex-Serbenführer Radovan Karadzic die Schuld für den Bosnienkrieg Muslimextremisten sowie indirekt auch westlichen Staaten zugewiesen, darunter Deutschland.

Die von ihm geführten bosnischen Serben hätten «einen gerechten und heiligen Krieg» geführt, der ihnen aufgezwungen worden sei, betonte der wegen Völkermordes angeklagte Karadzic am Montag bei der Darlegung seiner Verteidigungsstrategie vor dem UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien.

Dem Westen warf Karadzic unter anderem vor, die bosnischen Muslime unter Verletzung eines internationalen Embargos heimlich mit Waffen versorgt zu haben. Den Deutschen wies er eine indirekte Mitschuld an den Bürgerkriegen auf dem Balkan zu. So habe sich die maßgeblich von der Bundesregierung betriebene «voreilige» Anerkennung der einst zu Jugoslawien gehörenden Teilrepubliken Slowenien, Kroatien und Bosnien als folgenschwer erwiesen. Ein Beweggrund für Deutschland sei gewesen, dass es im Zweiten Weltkrieg mit den kroatischen Faschisten verbündet gewesen sei, behauptete Karadzic.

Nach dem Boykott des Prozessauftaktes im vergangenen Oktober sowie wiederholten Verzögerungen durch immer neue Verfahrensanträge äußerte sich Karadzic nun erstmals inhaltlich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Der Ex-Serbenführer ist wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in elf Fällen angeklagt. Als damaliger Präsident der bosnischen Serbenrepublik soll er einer der politisch Hauptverantwortlichen für den gewaltsamen Tod von rund 100 000 Menschen und für die Vertreibung von etwa zwei Millionen Menschen während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 sein.

Vor allem wird ihm das Massaker an etwa 8000 Muslimen in der UN- Schutzzone Srebrenica 1995 zur Last gelegt, das die Vereinten Nationen als Völkermord bewerteten. Auch die 44 Monate währende mörderische Belagerung von Sarajevo wird ihm angelastet.    

Karadzic erklärte, Hauptursache des Bürgerkrieges sei gewesen, dass die Führung der bosnischen Muslime - namentlich der damalige Präsident von Bosnien-Herzegowina, Alija Izetbegovic - «100 Prozent Kontrolle über Bosnien» gewollt habe. «Schon von 1991 an wollten sie ein islamisch-fundamentalistisches Regime errichten.» Vorschläge der Serben zu Gebiets- und Machtteilungen seien zurückgewiesen worden. Muslimführer hätten die Serben provoziert und zu deren Ermordung aufgerufen. Angesichts dessen hätten die Westmächte und auch der US- Sonderbeauftragte für den Balkan, Richard Holbrooke, versagt.

Staatsanwalt Alan Tieger hatte Karadzic bei der Eröffnung des Prozesses im Oktober 2009 vorgeworfen, entgegen aller serbischen Propaganda habe er «die Kräfte des Nationalismus, des Hasses und der Angst zielgerichtet eingesetzt, um seine Vision eines ethnisch geteilten Bosnien zu verwirklichen».

Der Ex-Serbenführer betonte, er verteidige die Würde der bosnischen Serben, «die Größe einer kleinen Nation», und damit auch sich selbst. «Ich werde diese Nation verteidigen, deren Sache gerecht und heilig ist», sagte der 64-Jährige. «Wir haben einen starken Fall, wir haben gute Beweise.» Zugleich forderte er den Gerichtshofs erneut auf, ihm eine faire Chance zu geben, seine weitere Verteidigung zu organisieren und sich ausreichend auf die Verhandlungen vorzubereiten.    

Karadzic war erstmals 1995 in Abwesenheit angeklagt worden. Nach jahrelanger Flucht war der studierte Psychiater im Juli 2008 festgenommen und an das UN-Tribunal in Den Haag überstellt worden. Ihm droht lebenslange Haft. Bislang hatte er es stets verweigert, sich zu den Vorwürfen zu äußern und stattdessen die Zuständigkeit des Tribunals bestritten. Das Gericht registrierte dies formell als Plädoyer auf «unschuldig».

Wiederholte Anträge von Karadzic, das Verfahren einzustellen, weil ihm seinerzeit durch den US-Unterhändler Holbrooke Straffreiheit im Gegenzug zu seinem Untertauchen zugesichert worden sei, wies das Gericht zurück. Zur Begründung hieß es, selbst wenn es ein solches Versprechen gegeben haben sollte, wäre es für das UN-Tribunal irrelevant. Holbrooke, der heute US-Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan ist, hat einen solchen Deal mit Karadzic mehrfach dementiert.

UN / Kriegsverbrechen
01.03.2010 · 22:02 Uhr
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