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Karadzic erscheint vor Richtern - dennoch Boykott

Radovan KaradzicGroßansicht
Den Haag (dpa) - Zum ersten Mal seit der Eröffnung des Völkermord-Prozesses in Den Haag erscheint der frühere Serbenführer Radovan Karadzic an diesem Dienstag zu einer Anhörung vor den Richtern. Dabei wolle er erneut mehr Zeit für seine Verteidigung fordern, erklärten seine Rechtsberater.

Den eigentlichen Prozess boykottiert der mutmaßliche Massenmörder jedoch weiterhin. So blieb die Anklagebank am Montag erneut leer, als die Staatsanwaltschaft Karadzic unter anderem die Verantwortung für die Ermordung Tausender Zivilisten - unter ihnen viele Kinder und Frauen - bei der Belagerung von Sarajevo vorwarf.

Karadzic habe den 44 Monate andauernden Beschuss der einstigen Olympiastadt und ihrer Einwohner von den umliegenden Bergen aus persönlich angeordnet, sagte Staatsanwalt Alan Tieger vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien. Auch die gezielte Tötung selbst von Kindern in den Straßen von Sarajevo durch Heckenschützen sei durch den Angeklagten sanktioniert worden.

«Es wurde auf Mütter geschossen, die mit ihren Kindern spazieren gingen, auf spielende Schulkinder, ebenso wahllos wie auf Menschen in Straßenbahnen», erklärte der Anklage-Vertreter. Soldaten und Offiziere, die sich bei diesen Kriegsverbrechen besonders hervorgetan hätten, seien von Karadzic belobigt und befördert worden. So habe er den Kommandeur der bosnisch-serbischen Streitkräfte, Ratko Mladic, für dessen brutales Vorgehen während der Sarajevo-Belagerung zum Generalleutnant befördert. Der 67-jährige Mladic ist auch 14 Jahre nach dem Ende des Bosnienkrieges noch flüchtig.

Der 64-jährige Karadzic ist in elf Punkten wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen während des Bosnienkrieges 1992-1995 angeklagt, dem etwa 100 000 Menschen zum Opfer fielen. Am schwersten wiegen dabei die Massaker an bis zu 8000 muslimischen Männern und Jungen im Sommer 1995 in der UN-Schutzzone Srebrenica, die Karadzic als Präsident der bosnischen Serbenrepublik und Oberkommandierender ihrer Streitkräfte angeordnet haben soll.

Der Staatsanwalt ließ dazu Videos einspielen sowie Audio-Aufzeichnungen, auf denen zu hören ist wie Karadzic bosnisch-serbische Truppen für Mordtaten lobt und sie weiter anfeuert. Ziel der Massaker von Srbrenica, der Belagerung von Sarajevo sowie von Massenmorden und Massenvergewaltigungen in zahlreichen Orten Bosnien-Herzegowinas sei die dauerhafte Vertreibung der bosnischen Muslime und Kroaten aus allen Gebieten gewesen, die von Serben beansprucht wurden.

Bei der Anhörung an diesem Dienstag will das Gericht entscheiden, ob und wie das Verfahren ohne Karadzic fortgesetzt werden kann. Er boykottiert den Prozess seit der Eröffnung vor einer Woche. In einem am Montag veröffentlichten Brief an die Richter bestätigte Karadzic aber seine Teilnahme an der Anhörung. «Ich hoffe, wir werden in der Lage sein, eine Lösung zu finden, die nicht nur einen raschen sondern auch einen fairen Prozess ermöglicht», heißt es darin. «Ich versichere Ihnen, dass ich weiter hart daran arbeite, meinen Prozess vorzubereiten und meine Eröffnungserklärung abzugeben, sobald ich mich dazu in der Lage sehe.»

Karadzic war nach seiner Verhaftung im Sommer 2008 gestattet worden, sich selbst zu verteidigen. Daher ist seine Anwesenheit erforderlich, sobald nach der nun abgeschlossenen Verlesung der Anklage die Beweisaufnahme und die Befragung von Zeugen beginnen soll. Das Gericht könnte jetzt aber entscheiden, ihm dieses Recht mangels Kooperation zu entziehen und einen Pflichtverteidiger einzusetzen. Karadzic droht lebenslange Haft. Er hat bislang alle Vorwürfe bestritten.

UN / Kriegsverbrechen
02.11.2009 · 15:49 Uhr
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