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Karadzic boykottiert Völkermord-Prozess weiter

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Den Haag (dpa) - Rund 14 Jahre nach dem Ende des Bosnienkrieges mit mehr als 100 000 Toten hat der Hauptangeklagte Radovan Karadzic am Montag die Eröffnung seines Völkermord-Prozess boykottiert.

Der mutmaßliche Massenmörder - dem auch das Massaker an mehreren tausend muslimischen Jungen und Männern aus der Enklave Srebrenica angelastet wird - weigerte sich, seine Zelle im UN-Untersuchungsgefängnis zu verlassen und vor dem Internationalen Strafgerichtshof für Ex-Jugoslawien zu erscheinen. Auch zum zweiten Prozesstag an diesem Dienstag werde er nicht kommen, ließ der Angeklagte mitteilen.

Karadzic zeigte sich völlig ungerührt von der Drohung des Vorsitzenden Richters O-Gon Kwon, einen Pflichtanwalt für ihn zu bestellen. Bislang darf er sich selbst verteidigen. Das Verfahren soll Dienstagnachmittag mit dem Verlesen der Anklage fortgesetzt werden. Ein Sprecher des juristischen Beraterteams von Karadzic erklärte jedoch, dieser sei in seiner Zelle «mit Enthusiasmus» dabei, sich auf seine Verteidigung zu einem späteren Zeitpunkt vorzubereiten. Daher könne er dem Prozess jetzt nicht beiwohnen.

Zuvor hatte der aus Südkorea stammende Richter Karadzics «andauernde Behinderung» des Verfahrens gerügt. Der einstige Führer der bosnischen Serben hatte den Boykott seines Prozesses in der vergangenen Woche angekündigt. Zur Begründung erklärte der 64-Jährige, man habe ihm nicht genügend Zeit für die Vorbereitung seiner Verteidigung gegeben. Er werde das Gericht «mehrere Wochen im Voraus» wissen lassen, wann er bereit sei.

O-Gon Kwon wies das als inakzeptabel zurück. Der Angeklagte habe ausreichend Zeit gehabt, seit er im Juli 2008 verhaftet und an das UN-Tribunal in Den Haag ausgeliefert worden sei. Im Namen der Anklage kritisierte die deutsche Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff die «Blockadehaltung» Karadzics scharf. Er versuche, den Prozess massiv zu behindern. Dies dürfe das UN-Tribunal auf keinen Fall hinnehmen. Sie forderte das Gericht auf, Karadzic das Recht zu entziehen, als sein eigener Verteidiger zu agieren. Sonst könne er den Prozess immer wieder massiv behindern.

Zum Auftakt des Prozesses, der in den letzten Monaten auch aufgrund etlicher Verfahrensanträge des Angeklagten immer wieder verschoben worden war, reisten mehr als 150 Überlebende des Bosnienkrieges in Bussen nach Den Haag. «Wir demonstrieren hier, dass wir immer noch auf Gerechtigkeit für die Opfer und die Überlebenden warten», erklärte eine Sprecherin der «Mütter von Srebrencica».

Die Frauen haben im Sommer 1995 durch die Ermordung von bis zu 8000 Männern und Jungen durch bosnisch-serbische Truppen in der damaligen UN-Schutzzone für bosnische Muslime ihre Söhne und oft auch ihre Ehemänner verloren. Die Massaker gelten als das schwerste Verbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Karadzic wird wegen des Srebrenica-Massakers Völkermord vorgeworfen. Er soll es als Präsident der bosnischen Serbenrepublik zusammen mit anderen geplant und angeordnet haben.

Ähnliche Verbrechen in etlichen kleineren Orten Bosniens stufte die Staatsanwaltschaft unter Leitung von Chefankläger Serge Brammertz ebenfalls als Völkermord ein. Sie will beweisen, dass Massenmorde, Massenvergewaltigungen, Folter und Zwangsdeportationen unter der politischen Führung Karadzics mit dem Ziel verübt wurden, alle Muslime und Kroaten für immer aus den von Serben in Bosnien- Herzegowina beanspruchten Gebieten zu vertreiben. Diese Gräueltaten wurden als «ethnische Säuberung» bekannt und international geächtet.

Karadzic hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Monatelang versuchte er im Vorverfahren, den Prozess unter Hinweis auf eine angebliche Immunitätszusage für ihn zu verhindern. Der damalige US- Sondergesandte für den Balkan, Richard Holbrooke, habe ihm im Namen der Vereinten Nationen Straffreiheit versprochen, wenn er die Führung der bosnischen Serben aufgebe und untertauche, behauptete Karadzic.

Holbrooke dementierte das mehrfach. Das Jugoslawien-Tribunal erklärte, selbst wenn es eine solche Zusage gegeben hätte, wäre es nicht daran gebunden. Karadzic hatte seine Ämter 1996 auf Druck des Westens aufgegeben und war von der Bildfläche verschwunden. Im Juli vergangenen Jahres wurde er in Belgrad festgenommen, wo der studierte Psychiater unter falschem Namen mit langen Haaren und Rauschebart als eine Art Wunderheiler praktizierte.

Immer noch flüchtig ist der einstige Chef der bosnisch-serbischen Streitkräfte, Ex-General Ratko Mladic, der Karadzics Weisungen in die Tat umsetzte. Mladic befehligte die Massaker in Srebrenica sowie die monatelange Belagerung von Sarajevo, bei der Tausende Zivilisten getötet wurden. Seine Festnahme und Auslieferung an des UN-Tribunal in Den Haag gilt als Voraussetzung für eine eventuelle Aufnahme Serbiens in die EU.

UN / Kriegsverbrechen
26.10.2009 · 16:42 Uhr
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