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Kampf ums Überleben in Haiti - Hilfe rollt an

Plünderungen in Port-au-PrinceGroßansicht
Port-au-Prince/Washington/Hamburg (dpa) - Wut, Verzweiflung und Chaos in Haiti: Nach dem Jahrhundert-Erdbeben kämpfen Millionen Menschen ums Überleben und warten auf Wasser, Lebensmittel und Medikamente.

Das Ausmaß der historischen Katastrophe wurde fünf Tage nach den Erdstößen immer deutlicher: Neben der zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince sind auch der Süden und Westen des bitterarmen Karibikstaats verwüstet.

Die Vereinten Nationen sprachen von der schlimmsten Katastrophe in ihrer Geschichte. «Jacmel ist kaputt, viele Häuser liegen in Trümmern», sagte Haitis Botschafter Jean Robert Saget der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin. Helfer berichteten über einen logistischen Alptraum, die Hilfsgüter erreichen die Menschen nur schleppend.

Noch Überlebende zu finden, wurde immer unwahrscheinlicher. Trotzdem geschehen jeden Tag Wunder: Am Sonntag zog ein israelisches Rettungsteam in Port-au-Prince einen Verschütteten nach 125 Stunden unter Trümmern hervor. Auch die deutsche Besitzerin des zerstörten Hotels Montana, Nadine Cardoso, wurde am Samstag lebend aus den Trümmern des Gebäudes geborgen.

US-General rechnet mit bis zu 200 000 Toten

Der für die militärischen Hilfsgüter-Transporte zuständige US- General Ken Keen hält es für möglich, dass 200 000 Menschen ums Leben gekommen sind. In einem Fernsehinterview sagte Keen am Sonntag: «Wir werden uns auf das Schlimmste gefasst machen müssen.» Auf die Frage, wie realistisch die Schätzungen seien, nach denen es zwischen 150 000 und 200 000 Tote gegeben haben könnte, antwortete der General: «Ich denke, dass die internationale Gemeinschaft derartige Zahlen in Betracht zieht, und ich denke, das ist ein (realistischer) Ausgangspunkt.» Haitis Regierung geht davon aus, dass bei dem Beben der Stärke 7,0 vom Dienstag möglicherweise mehr als 100 000 Menschen starben.

Der Länderdirektor des Kinderhilfswerks Plan International, Rezene Tesfamariam, beschrieb die Situation in Jacmel im Süden des Landes: «60 Prozent der Gebäude in Jacmel sind zerstört, 24 Schulen sind eingestürzt oder stark beschädigt, die Krankenhäuser haben keinen Strom», sagte er laut einer Mitteilung vom Sonntag. In Leogane, westlich von Port-au-Prince, sprach ein Reporter der britischen BBC von apokalyptischen Szenen. Fast jedes Gebäude sei zerstört, nach UN-Angaben sind 90 Prozent der Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Ein Überlebender sagte: «Wir haben keine Hilfe, nichts. Kein Essen, kein Wasser, keine Medizin, keine Ärzte.»

Mit einer Welle der Hilfsbereitschaft reagiert die internationale Gemeinschaft. Doch für die Helfer im Land ist die Lage schwierig. Selbst beim Tsunami Ende 2004 in Asien mit mehr als 230 000 Toten habe es keine solchen logistischen Probleme gegeben, sagte Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Koordinationsbüros für humanitäre Angelegenheiten (OCHA), in Genf.

Nur langsam trägt die Hilfsaktion Früchte: Im Fernsehen waren Bilder von Helfern zu sehen, die unter dem Schutz von UN-Blauhelmen Essen und Wasser an einige der hunderttausenden Bedürftigen ausgaben. Als aus einem tieffliegenden Hubschrauber Essenpakete abgeworfen wurden, kam es sofort zu den befürchteten Raufereien um die Lebensmittel.

«Es gibt nichts, worauf wir bauen können», sagt Michael Kühn, Repräsentant der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti. Das UN- Kinderhilfswerk und weitere Organisationen begann mit der Verteilung von Trinkwasser. Einsatzkräfte aus Israel bauten innerhalb weniger Stunden ein Krankenhaus auf, in dem sie täglich maximal 500 Patienten behandeln können. Die Vereinten Nationen errichteten 15 Zentren inner- und außerhalb von Port-au-Prince zur Verteilung von Hilfsgütern.

Die mobile Gesundheitsstation des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ist am Sonntagmittag (Ortszeit) in Port-au-Prince angekommen. An Bord des Hilfsfliegers waren 200 Kisten mit Zelten, Betten, Verbandsmaterial und Medikamenten für die Mini-Klinik, sagte eine DRK-Sprecherin. Sie soll die medizinische Grundversorgung Tausender Menschen gewährleisten.

USA versprechen langfristige Hilfe

Als Nadelöhr erwies sich der Flughafen, der mittlerweile von den USA kontrolliert wird. Die Maschinen müssen wegen des verstopften Airports oftmals über Stunden Warteschleifen fliegen. «Wir hoffen, dass wir bald eine Kapazität von 90 Maschinen pro Tag haben», erläuterte PJ Crowley, Sprecher des US-Außenministeriums. Der US- Flugzeugträger «USS Carl Vinson» liegt mit Elite-Einheiten an Bord vor der Küste des Karibikstaats vor Anker, weitere US-Kriegsschiffe und ein riesiges Lazarettschiff sind auf dem Weg. Mindestens 1000 amerikanische Soldaten sorgen im Erdbebengebiet bereits für Ordnung, weitere 9000 bis 10 000 sollen folgen.

US-Außenministerin Hillary Clinton hatte die Krisenregion am Samstag besucht, am Sonntag traf UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ein. Er wollte mit Haitis Präsident René Préval sprechen. Clinton versprach langfristige Hilfe. «Wir sind hier, um Euch zu helfen (...). Wir sind heute hier, wir werden morgen hier sein und in der Zeit, die vor uns liegt.» Die ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton begannen mit einer großangelegten Spendensammlung für die Erdbebenopfer. Präsident Barack Obama, der seine Vorgänger mit der Koordination der Spendenhilfe beauftragt hatte, empfing die beiden am Samstag im Weißen Haus. «Vor uns liegen schwierige Tage», sagte Obama.

In einem Wettlauf gegen die Zeit operierten Mediziner der Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen» Verletzte. Erfahrene Mitarbeiter sagten nach Angaben der Organisation, sie hätten noch nie so viele schwere Verletzungen auf einmal gesehen. «Innerhalb der nächsten 24 Stunden müssen etwa ein Drittel der Patienten hier unbedingt operiert werden, sonst sterben sie», sagte Jennifer Furin dem Nachrichtensender CNN. Die Medizinerin arbeitet in einem provisorischen Krankenhaus am Flughafen von Port-au-Prince.

Frankreich hat damit begonnen, verletzte Kinder nach Martinique auszufliegen. «Eine bestimmte Anzahl haitianischer Kinder wird derzeit von französischen Familien adoptiert», teilte das Außenministerium am Sonntag mit. Die adoptierten Kinder würden schnellstmöglich nach Frankreich gebracht.

Auf den Straßen der Hauptstadt sind unzählige Menschen unterwegs. Oft tragen sie einen Mundschutz, der gegen den Leichengeruch helfen soll. Die Menschen stehen nach Wasser und Lebensmitteln an. An einigen Stellen gibt es wieder Obst und Gemüse zu kaufen. Nachts waren vereinzelte Schüsse zu hören, es gab Berichte über Gewalt und Plünderungen. Ein heftiges Nachbeben in Haiti löste am Samstag Panik in der zerstörten Hauptstadt aus.

Die Vereinten Nationen informierten am Samstag über den Tod des Leiters der UN-Mission in Haiti, Hédi Annabi (65). Die Leichen des Tunesiers sowie seines Stellvertreters, des Brasilianers Luiz Carlos da Costa, und des amtierenden UN-Polizeichefs in Haiti, Doug Coates, seien unter den Trümmern des früheren UN-Hauptquartiers gefunden worden.

Hamburger unter den Opfern

Auch ein junger Mann aus Hamburg ist unter den Opfern. Das teilte das Auswärtige Amt in Berlin am Sonntag auf Anfrage mit. Die «Bild am Sonntag» berichtete, der 28-Jährige habe für eine Hamburger Exportfirma in dem Karibikstaat gearbeitet. 30 Deutsche werden noch vermisst. Die Bundesregierung stockte ihre Erdbebenhilfe für Haiti um sechs Millionen auf 7,5 Millionen Euro auf.

Bundespräsident Horst Köhler sprach sich für umfassende Hilfe für das vom Erdbeben zerstörte Haiti aus. «Wir haben hier eine moralische Verantwortung», sagte der Bundespräsident am Sonntagabend laut einem vorab verteilten Redetext in der ARD-Sendung «Anne Will Extra - Hilfe für Haiti». «Dieser Staat hat nicht funktioniert», so Köhler. «Die Weltgemeinschaft hat das gewusst, hat das aber im Prinzip nicht so ernst genommen, weil es ein kleines Land war.»

Der UN-Sicherheitsrat kommt an diesem Montag in New York zu Beratungen über die Lage in Haiti zusammen. Die EU- Entwicklungshilfeminister beraten in Brüssel in einer Sondersitzung über Erdbebenhilfe für Haiti.

Erdbeben / Haiti
17.01.2010 · 22:19 Uhr
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