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Jung unbeirrt: Kundus-Angriff war richtig

Bundesverteidigungsminister Jung hat internationale Kritik wegen des Luftangriffs auf die Taliban erneut zurückgewiesen. (Archivfoto)Großansicht
Kabul/Berlin (dpa) - Erfolgreicher Schlag im Kampf gegen die Taliban oder folgenschwerer militärischer Fehler? Die Versionen über den von der Bundeswehr angeordneten verheerenden Bombenangriff bei Kundus klafften am Sonntag weit auseinander.

Unbeirrt von internationaler Kritik und ersten Berichten über abweichende Erkenntnisse einer NATO-Untersuchung zu den Abläufen blieb Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) bei seiner Darstellung, es seien wenig mehr als 50 Taliban gestorben, aber keine Zivilisten. Die Lage sei vor dem Angriff unter Einbeziehung mehrerer Aufklärungsquellen längere Zeit beobachtet worden.

Demgegenüber hatte ein Reporter der «Washington Post», der zusammen mit dem Untersuchungsteam des amerikanischen NATO- Befehlshabers Stanley McChrystal Zugang zum Ort des Geschehens hatte, von 125 Toten berichtet, darunter mindestens zwei Dutzend Zivilisten. In dem Beitrag der «Washington Post» (Sonntag) werden dem deutschen Wiederaufbauteam schwere Verfehlungen vorgeworfen.

So soll sich der Befehl zu dem Bombardement neben Bildern der Luftaufklärung nur auf eine einzige Quelle - einen afghanischen Informanten - gestützt haben. Der deutsche Befehlshaber Oberst Georg Klein habe McChrystal und sein siebenköpfiges Team nach dessen Ankunft davon abhalten wollen, zum Ort des Geschehens und in Krankenhäuser zu gehen. Dies sei «zu gefährlich».

Jung wies die Darstellung der «Washington Post» zurück. Ein Bericht des Gouverneurs von Kundus weise 56 Tote und 12 Verletzte aus. «Der Bericht sagt, dies seien Taliban», sagte Jung am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur dpa in Düsseldorf. Auch ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin sagte, die Angabe «mehr als 50 Tote» ergebe sich aus Untersuchungen, die nach dem Angriff vor Ort unternommen worden seien. Der «Post»- Bericht könne schon deshalb nicht stimmen, da er sich auf Informationen aus Kreisen des NATO- Untersuchungsteams berufe, und das sei von Oberst Klein begleitet worden.

Jung stellte sich erneut hinter Klein. Er halte es nicht für sachgerecht, dass die Staatsanwaltschaft Potsdam nun prüfe, ob ein Ermittlungsverfahren wegen eines Tötungsdelikts gegen den deutschen Oberst eingeleitet werden müsse. «Ich bedaure jeden Zivilisten, der verletzt wurde oder gegebenenfalls ums Leben gekommen ist», sagte Jung. «Man muss aber die Gefahr sehen, die für unser Lager bestanden hat, denn es war eine klare Bedrohung durch die Taliban vorhanden.» Die Folgen eines Anschlags mit den beiden voll beladenen Tankwagen wären nicht auszudenken gewesen.

In der afghanischen Bevölkerung wurde die Militäroperation unterschiedlich bewertet. Dorfbewohner beteuerten, sie seien von den Taliban teils unter Androhung von Waffengewalt gezwungen worden, ihnen bei der Befreiung der auf einer Sandbank im Kundus-Fluss festgefahrenen Tanklastzüge zu helfen. Sie hätten gerufen: «Bringt eure Traktoren und helft uns! Was hätten wir tun sollen?», sagte einer.

Ein zehnjähriger Junge, der einen Bombensplitter ins Bein bekam und in einem Krankenhaus in Kundus behandelt wird, sagte, er sei aus Neugierde auf einem Esel zu den Lastern geritten. Andere begrüßten dagegen die Militäroperation. Die NATO sei bisher nicht mit ausreichender Härte gegen die Taliban vorgegangen.

Aus dem Ausland hagelte es massive Kritik an dem von der Bundeswehr angeforderten Einsatz in der Nacht zum Freitag. Die Europäische Union sprach von einer «Tragödie». Der schwedische Außenminister Carl Bildt sagte für die EU-Ratspräsidentschaft am Samstag: «Wir gewinnen diesen Krieg nicht, indem wir töten.»

Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sprach von einem «großen Fehler». «Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten statt sie zu bombardieren», sagte er. Auf die Frage, wessen Fehler der Angriff sei, sagte Kouchner: «Ich weiß nicht, ich bin kein Richter.» Spaniens Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero bezeichnete den Angriff als «nicht hinnehmbar». Die afghanische Regierung sagte den Opfern des Luftangriffs Unterstützung zu, auch den Hinterbliebenen von Taliban.

Auch innenpolitisch geriet die Bundesregierung wegen des Angriffs unter Druck. Die Grünen forderten eine Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). «Es kann einer deutschen Bundeskanzlerin nicht gleichgültig sein, wenn die Bundesrepublik wegen des Luftangriffs in der Europäischen Union in die Isolierung gerät», sagte Fraktionsvize Jürgen Trittin. Die Linke fordert eine Aktuelle Stunde des Bundestags.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) forderte in der «Bild am Sonntag» eine rückhaltlose Aufklärung. «Gegen verbrecherische Terroristen muss entschieden vorgegangen werden. Gleichzeitig müssen wir aber alles tun, um unschuldige zivile Opfer zu vermeiden.» Der FDP-Verteidigungsexperte Jürgen Koppelin verlangte eine ehrliche Debatte über den deutschen Afghanistan-Einsatz. Es handele sich um einen Krieg.

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi kritisierte die deutsche Informationspolitik: «Während in Afghanistan die toten und verletzten Zivilisten betrauert werden, versucht sich die Bundeswehrführung und das Verteidigungsministerium weiter im Verschleiern.»

Er habe kein Verständnis für jene Stimmen, die ohne Kenntnis der Sachlage frühzeitig Kritik an dem militärischen Vorgehen übten, sagte Jung der «Bild am Sonntag». «Dies wird nicht den schwierigen Situationen gerecht, in denen unsere Soldaten im Einsatz für die Stabilität in Afghanistan und damit im Interesse unserer Sicherheit in Deutschland Leib und Leben riskieren.»

Konflikte / Bundeswehr / Afghanistan
06.09.2009 · 19:36 Uhr
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