News
 

Julian Assange: Gerechtigkeits-Guru gegen die USA 

Julian Assange: Die Wahrheit bleibt auf der Strecke, «lange bevor der Krieg beginnt und lange nach seinem Ende».Großansicht

London (dpa) - Julian Assange sitzt auf dem Podium im Londoner Park Plaza Hotel gerade wie eine Eins. Dem 39-jährigen Australier ist anzusehen, dass ihm der Trubel eine besondere Art von Genugtuung bereitet. Hunderte Journalistenaugen, Mikrofone, Fernsehkameras und Fotolinsen sind auf ihn gerichtet.

Assange führt mit seinem öffentlichen Auftritt gerade einen generalstabsmäßig vorbereiteten Angriff gegen keinen geringeren als die USA zu Ende.

Den Inhalt von fast 400 000 Militär-Dokumenten aus dem Irakkrieg, zum großen Teil hochgradig geheim und extrem brisant, hat er soeben der breiten Weltöffentlichkeit unter die Nase gerieben. Von Hinrichtungen und Folter, von Blutbädern und organisiertem Wegschauen ist da die Rede. Es ist das größte Loch, das jemals jemand in die Mauer des Schweigens um das Pentagon gerissen hat. US-Außenministerin Hillary Clinton, NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen und der britische Verteidigungsminister Liam Fox reagieren höchstpersönlich. Assange hat etwas bewegt.

Der Gerechtigkeits-Guru will so etwas wie der Gutmensch des Internet-Zeitalters sein. Der Computerfreak fühlt sich als Freiheitskämpfer, der gegen «moderne, westliche Kriege» vorgeht. «Hier geht es um die Wahrheit», sagt er in London gleich eingangs. Im Krieg sei das das erste, was auf der Strecke bleibe - schon in der Vorbereitung. Assange leitet daraus eine etwas abenteuerliche Daseinsberechtigung für sein Netzwerk ab: Westliche Demokratien müssten lügen, wenn sie Krieg führen wollten. Ergo: Wenn man sie am Lügen hindert, können sie keinen Krieg führen. Bereits im Juli war Assanges Truppe mit geheimen US-Dokumenten zum Krieg in Afghanistan ein Coup gelungen.

Assange sieht sich als Verfolgter. In Schweden, wo er wegen der dort geübten großzügigen Auslegung von Meinungsfreiheit Fuß fassen wollte, bekommt er keine Aufenthaltserlaubnis - ohne Begründung. Die schwedische Justiz ist stattdessen wegen Vergewaltigungsvorwürfen hinter ihm her. Er sieht darin einen Versuch, ihn mundtot zu machen. Er wisse vom australischen Geheimdienst, dass es entsprechende Absichten gebe. In der Tat wirkt das Hin und Her der schwedischen Justiz ein wenig seltsam. Nach den Vergewaltigungsvorwürfen zweier Frauen wird ein Haftbefehl erlassen, der 24 Stunden später wieder aufgehoben wird. Zwei Wochen später folgen erneut Ermittlungen.

Vor einer Woche hatte der Mann, dem von seinem Umfeld eine außergewöhnlich hohe Intelligenz bescheinigt wird, noch im Interview mit der «New York Times» erklärt, er müsse ständig den Standort wechseln, leise sprechen, um nicht abgehört zu werden. Er schlafe in Schlafsäcken und wechsele die Mobiltelefone wie andere die Hemden. Ein paar Tage später setzt er sich in London vor Hunderten auf eine Bühne und erzählt von seinen Erfolgen - die Agenten im Hauptquartier des britischen Geheimdienstes MI5 am gegenüberliegenden Themseufer brauchten nicht einmal ein Fernglas, um ihn sehen zu können.

Zu solchen Dingen will Assange in London aber keinen Kommentar abgeben. «Zu weit weg vom Thema der heutigen Veranstaltung», sagt er auf entsprechende Fragen. Auf seine Weise tut er das dann doch: «Wir machen weiter», sagt er fast unhörbar, zum Schluss seines Statements. Das wirkt wie eine Drohung, zumindest eine Androhung. Dass sie leer ist, glaubt kaum jemand. Assange will dazu sein Netzwerk mit Medien und Menschenrechtsorganisationen noch enger flechten und ausweiten. Wikileaks arbeitet weltweit mit Menschenrechtlern und Enthüllungsjournalisten, mit Politikern und Anwälten zusammen.

Intern hatte es jedoch bei Wikileaks zuletzt gekriselt. Der «zweite Mann» der Plattform, der Deutsche Daniel Schmitt, warf die Flinte ins Korn. Falsche Prioritäten, Beratungsresistenz und Allmachtsfantasien warf er Assange vor. Die ursprünglichen Ziele der Plattform, die einmal für chinesische Dissidenten ins Leben gerufen worden war, träten in den Hintergrund. Eine der Frauen, die beklagen, von Assange vergewaltigt worden zu sein, sagte: «Er kann kein Nein akzeptieren.»

Netzauftritt Wikileaks

Konflikte / Internet / USA / Irak
24.10.2010 · 21:22 Uhr
[1 Kommentar]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

News-Suche

 

News-Archiv

 
Diese Woche
19.10.2017(Heute)
18.10.2017(Gestern)
17.10.2017(Di)
16.10.2017(Mo)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen