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Japans konfuser Kampf gegen die Strahlung

Ein Mann misst mit einem Geigerzähler im Stadteil Watari in der Provinzhauptstadt Fukushima die Strahlung.  Foto: Takehiko KambayashiGroßansicht

Fukushima (dpa) - Die Atomkatastrophe in Fukushima sorgte weltweit für Entsetzen. Wie kann das Leben auf der dicht besiedelten Insel weitergehen? Das Dekontaminieren verstrahlter Gebiete verläuft nach Meinung von Kritikern vielerorts chaotisch.

Kratzend fährt die Schaufel in den Boden. «Die Stadtverwaltung hat uns beauftragt, die verseuchte Erde hier abzutragen, bis die Radioaktivität unter einen Mikrosievert fällt», erklärt einer der Arbeiter und kippt die Erde auf seiner Schaufel in einen großen hellbraunen Sack. Der Mann, der seinen Namen nicht nennen will, trägt zum blauen Arbeitsanzug eine simple Papiermaske vor dem Mund, wie sie Japaner sonst bei Erkältungen oder Pollenallergien benutzen. Normalerweise arbeitet der Mann als Landschaftsgärtner. Jetzt hat er den Auftrag, die durch den Atomunfall im AKW Fukushima Daiichi verseuchte oberste Erdschicht um ein Wohnhaus in der Stadt Fukushima mit seiner Schaufel abzutragen.

Auch seine Mithelfer sind keine Experten im Umgang mit Radioaktivität. Mit einem Geigerzähler haben sie an dieser Stelle 1,5 Mikrosievert pro Stunde gemessen; der Grenzwert liegt bei 3,8 Mikrosievert. «Ich mache mir da keine großen Sorgen», sagt einer der Männer. Ihnen sei klar, dass die Dekontaminierungsarbeiten nicht ohne Risiken seien. «Aber irgendwer muss das ja machen», sagt der Mann in den 20ern. Seinen Namen will aber auch er lieber nicht nennen. Mit Wasser spritzen die Männer das Hausdach ab, kappen Äste von Bäumen, und tragen die obere Erdschicht ab. Anschließend schaffen sie den Abraum in Säcken an einen Ort auf einem bewaldeten Berg. Was damit am Ende geschehen soll, ist jedoch noch vollkommen ungeklärt.

«Es ist das erste Mal, dass in unserem Land in einem solchen großen Ausmaß dekontaminiert werden muss. Im Grunde weiß keiner, wie man das richtig macht», gesteht ein Vertreter der Atomenergiebehörde im Wirtschaftsmagazin «Nikkei BP» ein. Einzelne Städte außerhalb der Evakuierungszonen um die Atomruine hatten schon kurz nach Beginn der Katastrophe in Folge des Erdbebens und Tsunami vom 11. März 2011 auf eigene Faust angefangen, zu dekontaminieren, lange bevor der Staat etwas unternahm. In Koriyama begann man laut Medien schon Ende April, an Schulen und Kindergärten die Erde abzukratzen und zu einer Müllanlage zu bringen. Wegen Protesten der Anwohner musste sie wieder zurückgebracht werden - sie wurde auf dem Schulgelände vergraben.

Mancherorts sind es ganz normale Bürger, also die Opfer der Atomkatastrophe, die ohne Strahlenschutz Straßen und Abflussrinnen von der gefährlichen Strahlung befreien. Erst jetzt, fast ein Jahr nach Beginn der Katastrophe zeigen sich mehrere Stromversorger bereit, Atomexperten in die Provinz Fukushima zu schicken, um die Menschen zu unterstützen.

Kein Wunder, dass die Bemühungen um eine Dekontaminierung der verstrahlten Gebiete ein Jahr nach Beginn der Katastrophe auf viele besorgte Bürger chaotisch wirkt. Das fängt schon alleine damit an, dass es verschiedene Entscheidungsträger für die Arbeiten gibt: mal ist es der Staat, dann die Präfektur, dann wieder die Städte selbst. Zudem fragen sich viele Bürger, ob die Dekontaminierung überhaupt effektiv ist. «Auch wenn man dekontaminiert, kommen anschließend neue radioaktive Partikel von den Bergen herunter», sagt ein Bewohner aus Iidate, der vor der Katastrophe geflohen ist und heute in einer Behelfsunterkunft lebt.

Eines der größten Probleme ist die Frage, wohin mit den gewaltigen Mengen Abraum. Im Ort Minami Soma zum Beispiel, der im Umkreis von 30 Kilometern um die Atomruine liegt, wollte die Verwaltung auf einem früheren Golfplatz am Meer ein Zwischenlager einrichten. Doch auch hier hagelte es scharfe Proteste der Anwohner: «Warum muss die Erde aus bergigen Gegenden, wo die Strahlung höher ist, ausgerechnet hier hin, wo die Werte niedriger sind?», zitierte die Lokalzeitung «Kahoku Shinpo» einen Bürger. So wie in Minami Soma, wo 20 000 der 71 600 Bürger flohen, sieht es vielerorts aus.

Das gleiche betrifft die Entsorgung der Trümmer vom Erdbeben und Tsunami. Lediglich fünf Prozent der geschätzt 22,5 Millionen Tonnen an Schutt und Abfall aus den Provinzen Fukushima, Iwate und Miyagi konnten bislang verbrannt oder anderweitig entsorgt werden. Grund ist, dass sich Gemeinden außerhalb des Katastrophengebietes bislang aus Angst vor Verstrahlung sträuben, Abraum bei sich aufzunehmen. «Das ist ein großes Hindernis bei den Bemühungen zum Wiederaufbau», beklagte Umweltminister Goshi Hosono.

Nach Beginn der Katastrophe hatte der Staat um das havarierte Atomkraftwerk wie mit einem Zirkel eine Evakuierungszone gezogen. Tatsächlich aber wurde wegen der Windrichtung vor allem ein Gebiet stark belastet, das sich wie eine schmale Zunge von der Atomruine einige Dutzend Kilometer nach Nordosten ausbreitet. Da die vom Staat verordnete Evakuierungszone dies jedoch nicht abdeckt, zogen einige der 80 000 Anwohner des AKW, die ihre Häuser verlassen mussten, in Gegenden mit noch viel höherer Strahlung als in ihren Heimatorten.

Nun will die Regierung die betroffenen Regionen je nach Strahlenwert neu aufteilen. Zuerst sollen Gebiete mit einer Dosis von bis zu 50 Millisievert ins Visier genommen werden. Damit soll der Staat vor März 2014 fertig sein. Mit der Festlegung auf ein Datum will die Regierung den 160 000 Evakuierten einen Horizont geben, um sich auf eine Rückkehr in ihre Heimat vorbereiten zu können.

Doch es gibt auch Gebiete mit noch höherer Verstrahlung als 50 Millisievert im Jahr. Hier ist an eine Rückkehr der früheren Bewohner kaum zu denken. In solchen Gebieten erwägt die Regierung laut japanischen Medienberichten denn auch Lagerstätten für den verstrahlten Abraum zu errichten. Entschieden ist aber noch nichts.

Atom / Katastrophen / Japan
11.03.2012 · 21:55 Uhr
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