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Japan plant Gartenstadt für 100 000 Evakuierte

Eine Mutter steht mit ihrem Kind an, um im Hilfslager in der Stadt Onagawa Essen zu bekommen.Großansicht

Tokio (dpa) - Verseuchtes Wasser im Pazifik, Ärger mit den Nachbarn und unzählige Fragen zu möglichen Evakuierungen im Umkreis der Atomruine: Japan kommt nicht zur Ruhe. Die Regierung plant jetzt den Bau einer neuen Stadt nach deutschem Vorbild - eine Heimat für bis zu 100 000 Menschen.

Aus der Sicht von Ministerpräsident Naoto Kan könnte die umweltfreundliche Stadt im Stil der sogenannten Gartenstädte Wohnraum für bis zu 100 000 Menschen bieten, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch unter Berufung auf Kenichi Matsumoto, Sonderberater der japanischen Regierung.

Für Verwirrung sorgte am Mittwoch die angebliche Aussage Kans, die 20 Kilometer große Evakuierungszone rund um die Atomruine bleibe für die nächsten 10 bis 20 Jahre unbewohnbar. Sowohl Kan als auch Matsumoto dementierten dies später wieder.

Wo genau die Öko-Stadt in der Präfektur Fukushima entstehen soll, war zunächst unbekannt. Kan habe einen möglichen Ort aber bereits im Kopf, sagte Sonderberater Matsumoto. Der zuständige Rat zum Wiederaufbau der Städte werde sich voraussichtlich in seiner ersten Sitzung am Donnerstag mit dem Thema beschäftigen.

Während die Regierung fieberhaft nach Lösungen für die noch nicht bezifferbare Zahl von möglichen Evakuierten sucht, bleiben die betroffenen Menschen skeptisch. Trotz der am Dienstag verhängten höchsten Gefahrenstufe rund um den verstrahlten Atommeiler Fukushima Eins wollen die meisten Japaner ihre Heimat offenbar noch nicht verlassen. Den Wenigen, die gehen wollen, fehlen klare Aussagen zu finanziellen Perspektiven. Die Regierung erwägt derzeit, jedem Haushalt umgerechnet 10 000 Euro Entschädigung zu zahlen.

Unterdessen hat sich der japanische Außenminister Takeaki Matsumoto bei den Pazifik-Anrainerstaaten für Informationspannen entschuldigt. Japan hatte die Botschaften seiner Nachbarn erst verspätet darüber informiert, kontaminiertes Wasser aus den Unglücksreaktoren in den Pazifik geleitet zu haben.

China, Russland und Südkorea hatten die Entsorgung von schwach verstrahltem Wasser wiederholt massiv kritisiert und umfassende Schutzmaßnahmen gefordert. «Es ist wahr, dass unsere Benachrichtigung erst versendet wurde, nachdem der Wasserabfluss begonnen hat», sagte Takeaki Matsumoto im Parlament. Inzwischen sei die Kommunikation jedoch verbessert worden.

In der Unglücksregion selbst gingen die Aufräumarbeiten trotz erneuter Erdstöße weiter. Am Mittwoch hatten wieder Erdstöße der Stärke 5,8 das Land erschüttert. Berichte über Schäden oder Verletzte lagen nicht vor. Auch eine neue Tsunami-Warnung gab es nicht.

Mitarbeiter des Energiekonzerns Tepco pumpen seit Dienstagabend (Ortszeit) erneut hochgradig verseuchtes Wasser in einen Auffangbehälter, welches sich in einem Tunnelschacht des Reaktors 2 angesammelt hat, wie die Nachrichtenagentur Jiji Press meldete. Tepco plant, insgesamt rund 60 Millionen Liter Wasser aus den Kellern der Reaktoren zu entfernen, berichtete Kyodo. Dies entspricht etwa dem Inhalt von 24 Olympia-Schwimmbecken mit zwei Metern Tiefe.

In Block 2 wurde zudem damit begonnen, den Riss in einer Schachtwand mit Eisenplatten zu verschließen. Von einer Wasserprobe aus Block 4 erhoffen sich die Verantwortlichen Informationen über den Zustand der Brennelemente.

Gute Nachrichten gab es am Mittwochmorgen vom Flughafen Sendai. Kurz nach acht Uhr (Ortszeit) morgens landete laut Kyodo die erste Maschine aus Tokio auf dem Rollfeld des rund 100 Kilometer von der Atomruine Fukushima entfernten Flughafens. Sendai war vor gut einem Monat von dem Jahrhundert-Tsunami überschwemmt worden.

Bis zum 20. April sind zunächst täglich sechs Inlandsflüge aus Tokio und Osaka vorgesehen. Vor der Naturkatastrophe nutzten jährlich rund drei Millionen Passagiere den Flughafen. Seine Wiedereröffnung macht es für Helfer aus dem Großraum Tokio und dem Westen einfacher, in die Unglücksregion zu gelangen.

Das Erdbeben und der Tsunami vom 11. März hätten erhebliche Auswirkungen auf die wichtigen Exporte, die Produktion und den Privatverbrauch, hieß es dazu am Mittwoch. Zudem untersagte die Regierung wegen erhöhter Strahlenwerte den Handel von Pilzen, die in einigen Gegenden rund um Fukushima gewachsen sind. Außerdem war bekanntgeworden, dass rund 2200 Pakete mit verstrahlten Salatblättern in den Verkauf gelangt waren. Für die Verbraucher bestehe jedoch keine Gefahr, da die Strahlung nicht die zulässigen Grenzwerte überschreite, berichtet Kyodo.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz gab am Mittwoch bekannt, dass bislang keine erhöhte Strahlenbelastung bei japanischen Lebensmitteln in Deutschland gemessen wurden. Auch bei dem ersten Containerschiff, das nach dem Tsunami den Hafen von Tokio verlassen und Deutschland erreicht hat, konnte keine Radioaktivität gemessen werden.

Erdbeben / Atom / Japan
13.04.2011 · 16:51 Uhr
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