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Israel schockiert die Welt mit blutigem Angriff

Israelis protestieren am Hafen von Ashdod, wohin die von israelischen Eliteeinheiten aufgebrachte Gaza-«Solidaritätsflotte» gebracht wurde.Großansicht
Tel Aviv/Larnaka (dpa) - Mehr als zehn Tote, Dutzende Verletzte auf beiden Seiten und eine ganze Region in Aufruhr: Die Nachwehen des Gaza-Krieges und der umstrittenen Geheimdienstoperation in Dubai sind kaum ausgestanden, da macht Israel mit dem gewaltsamen Erstürmung der «Gaza-Solidaritätsflotte» schon wieder weltweit Schlagzeilen.

Auch viele Israelis sind schockiert. Kommentatoren sprechen von einem absoluten PR-Desaster. Israel muss sich jetzt beispielsweise dem Vorwurf der Piraterie erwehren, weil die sechs Schiffe nach Angaben der Organisatoren von «Free Gaza» eindeutig in internationalen Gewässern aufgebracht wurden.

«Man sollte besser schlau sein, als Recht haben», lautet ein israelisches Sprichwort. In diesem Sinne hatten Kommentatoren der Regierung ans Herz gelegt, die mehr als 700 pro-palästinensischen Aktivisten mit ihrer kleinen Flotte einfach in den Gazastreifen fahren zu lassen - Seeblockade hin oder her. Die radikal-islamische Hamas, die im Gazastreifen herrscht, hätte ihre «15 Minuten Ruhm» gehabt. Und danach wäre die ganze Angelegenheit schnell vergessen gewesen.

Doch die Regierung wählte die Konfrontation - ebenso wie die Aktivisten. Die lehnten das Angebot ab, die 10 000 Tonnen Hilfsgüter im Hafen von Aschdod zu löschen. Die israelische Führung ihrerseits, sei von der «Gaza-Flotte» in ein «Meer der Dummheit» getrieben worden, kommentierte die linksliberale Tageszeitung «Haaretz».

Und am frühen Montag, kurz vor dem Morgengrauen, nahm dann das Unglück seinen Lauf. Weil die Schiffe nicht beidrehten und die Aktivisten sich nicht ergaben, enterten Elitesoldaten das türkische Passagierschiff «Marmara». 570 der mehr als 700 Aktivisten hielten sich dort auf.   

Aktivisten und die israelische Armee streiten über den Ablauf der Ereignisse. Die Armee sagt, die Soldaten seien mit Schusswaffen, Messern und Schlagstöcken angegriffen worden und hätten sich gegen einen Lynch-Mob verteidigt. Die Aktivisten verweisen auf die Bilder aus 30 Fernsehkameras an Bord des Schiffes. Die belegten, dass die Soldaten geschossen hätten, sobald sie an Bord gekommen seien.

Dies ist aber nur der erste Teil des blutigen Zwischenfalls. Die nächste Konfrontation droht im Hafen von Aschdod, wohin die Armee die sechs aufgebrachten Schiffe geschleppt hat. Sollten die Aktivisten aus 40 Ländern nämlich nicht freiwillig einer Abschiebung zustimmen, werden sie inhaftiert. Botschaften und Konsulate, darunter auch die der Bundesrepublik, dürften noch Tage im Einsatz sein. Die Bundesregierung reagierte «bestürzt» über die israelische Militäraktion.

Israel droht aber auch ein längeres Nachspiel. Griechenland brach gemeinsame Manöver mit Israel ab. Die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei sind in die bislang schwerste diplomatische Krise geraten. Einst war die Türkei enger Verbündeter Israels. Jetzt warnt Israel seine Bürger vor Reisen in das beliebte Touristenland. Die Türkei rief ihren Botschafter zurück.

Auch der gerade mühsam im Gang gesetzte Nahost-Friedensprozess könnte leiden. Verteidigungsminister Ehud Barak rief die «Führer der arabischen Staaten auf, nicht zuzulassen, dass sich der Vorfall negativ auf die Friedensverhandlungen» zwischen Israel und den Palästinensern auswirkt. Und die israelischen Sicherheitsbehörden treibt die Sorge vor gewaltsamen Unruhen unter den arabischstämmigen Israelis um.

Auch in anderer Hinsicht hat Israel wohl ein klassisches Eigentor geschossen. Die ganze Welt schaut nach dem blutigen Zwischenfall jetzt wieder auf den Gazastreifen. Und dabei wollte Israel eine neue Diskussion über die seit drei Jahren währende Blockade des kleinen Palästinensergebietes unter allen Umständen vermeiden. Alle Appelle - wie zuletzt der von der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton - die Grenzübergänge zum Gazastreifen sofort und ohne Vorbedingungen zu öffnen, dürften nach dem Zwischenfall nur noch lauter werden.

Konflikte / Gaza / Nahost
31.05.2010 · 14:01 Uhr
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