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Islam in den Medien - Muslime haben Sarrazin und Salafisten so satt

Eigentlich liegt es Ali Suham fern, etwas zu meckern zu haben an Deutschland. 1991 floh er aus dem Irak, um nicht wie sein Bruder im Golfkrieg zu sterben, nach drei Jahren Istanbul beantragte er 1994 Asyl in Deutschland. Heute verkauft er Döner auf der Leipziger Karl-Liebknecht-Straße. Er ist voll des Lobes für sein Gastland. Wenn er auf dem Arbeitsamt in der Schlange steht, merke er, dass hierzulande Ausländer und Deutsche gleich behandelt werden, niemand werde diskriminiert. «In Deutschland ist alles möglich, wir haben Freiheit und der Staat unterstützt uns.»

Er sei «voll dagegen», dass manche Migranten gleich «Diskriminierung» schreien, wenn beim Amt ein Papier verlangt wird, das sie nicht haben, dass mancher Moslem - «mit Bart», wie er sagt - zur Gewalt aufrufe oder Imame Jugendliche in der Moschee einer «Gehirnwäsche» unterzögen. Deshalb sagt Ali Suham auch erst mal, «stört mich überhaupt nicht» auf die Frage, wie er denn die Berichterstattung über Muslime in den Medien finde.

87,6 Prozent der Muslime in Deutschland sehen das allerdings anders. Das zumindest ergab eine Studie, die das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld gemeinsam mit einer britischen Universität durchgeführt hat. Sie fühlen sich von den etablierten Medien nicht repräsentiert, fast 90 Prozent gaben in einer Onlinebefragung an, Muslime würden stereotyp dargestellt. Knapp 60 Prozent der Befragten fühlen sich durch Berichte über Islamophobie sogar bedroht.

«Islam bedeutet für mich nur die Gebete und Ramadan»

Medienschelte, wieder einmal. Aber ist sie gerechtfertigt? «Muslime in Deutschland - Weder Salafisten noch Fundamentalisten» hieß kürzlich eine Dokumentation in der ARD. «Muslime kritisieren Gauck für Islam-Äußerung» titelte die Bild, «Islamfeindlichkeit hat alle sozialen Schichten erfasst», hieß ein Artikel der Süddeutschen Zeitung. Zufällige Stichproben zum Thema, die eher besonnen und sachlich klingen.

Aber natürlich findet sich auch das: «Irrer Islamist kriegt Hartz IV», «Wie gefährlich sind die Salafisten?», «Islamisten-Anschläge in Deutschland möglich», das alles sind Schlagzeilen der Bild. Oder auch bei news.de: «Salafisten wollen Deutschland bekehren» und «So radikal sind junge Muslime» konnten Sie bei uns lesen.

Auch Ali Suham wird jetzt nachdenklich. «Für mich bedeutet Islam, wie ich ihn von meinem Vater mitbekommen habe, fünfmal am Tag beten und der Ramadan. Das ist alles.» So ähnlich geht es den meisten Muslimen. Salafisten und Selbstmordattentate haben so viel mit ihnen zu tun wie mit Nicht-Muslimen Kinderschänder und Serienmörder. Nur, dass bei letzteren die Medien nicht gleich titeln: «Neigen Agnostiker zum Serienmord?» oder auch: «Immer mehr Christen hinterziehen Steuern».

Die Zwischentöne sind da - aber sie werden kaum wahrgenommen

Doch seit dem 11. September polarisiert der Islam, und es scheint kein Ende in Sicht. Die Bielefelder Forscher haben auch mit Journalisten gesprochen. Wenig Zeit für intensive Recherche und hintergründige Geschichten und der Druck, mit der knackigen Überschrift Leser zu locken, motiviert die meisten zur zugespitzten Schlagzeile. Eine Journalistin brachte selbst das Beispiel Kölner Moschee-Bau, erzählt Jörg Heeren, der gemeinsam mit Professor Andreas Zick die Studie erstellt hat.

Die Medien ventilierten hitzig, ob das hohe Minarett nicht einen Machtanspruch des Islams manifestiere oder, ob der Muezzin über Ehrenfeld rufen darf. Dabei ging es bei dem Moscheebau eigentlich darum, Muslimen neben den stickigen Hinterhofmoscheen auch einen angemessenen Raum zum Beten zu bieten. Und es gab auch Muslime, die den Bau der Großmoschee übertrieben fanden.

«Es fehlen die Zwischentöne», resümiert Jörg Heeren. Mehr Features, die die Vielfalt der Meinungen zeigt, den Alltag, die Widersprüche. Aber die existieren doch auch, verteidigen sich die Journalisten. Wahrscheinlich nähmen eben Muslime, genau wie die meisten anderen Mediennutzer, auch eher die laute Schlagzeile als den leisen Hintergrundbericht wahr, der um 23 Uhr auf Phönix läuft, räumt Heeren ein.

Dabei sieht auch er, dass es einen Lernprozess gegeben hat. Wurden in der Sarrazin-Debatte viel zu lange seine plakativen Thesen ventiliert, bekamen die meisten Medien bei der Berichterstattung über die Islamstudie des Innenministeriums schneller die Kurve. Anfangs bliesen sie noch plakativ heraus, ein Viertel der jungen Muslime wolle sich nicht integrieren. Doch bald stellten die meisten Medien richtig: Eigentlich zeichneten die Wissenschaftler ein vielschichtiges, selbstkritisches und durchaus freundliches Bild der Muslime in Deutschland.

Randgruppen taugen gut für Schlagzeilen

Was war passiert? Kaum ein Journalist hat oder nimmt sich die Zeit, so eine Studie tatsächlich zu lesen. Stattdessen wird zunächst jede plakative Zuspitzung nachgeplappert und dazu ad hoc knackige Politiker-Statements eingeholt. Als Zitat gekennzeichnet ist das zwar journalistisch sauber - geht aber nicht in die Tiefe.

Für Jörg Heerens sind die Ergebnisse symptomatisch. Er vermutet, dass bei anderen Religionen, Minderheiten oder Randgruppen ganz ähnliche Ergebnisse herauskämen. Die katholische Kirche, Obdachlose oder Homosexuelle zum Beispiel taugen ebenso oft für die fette Schlagzeile in der Zeitung oder den schnellen Klick im Internet.

Ali Suhams Chef kommt an den Tisch, er ist Türke und betreibt den Dönerladen, in dem Ali arbeitet. In Istanbul habe er selbst als Journalist gearbeitet, erzählt er. Was er von der Berichterstattung hierzulande hält? «Nein, dazu sage ich nichts. Ich bin das Thema so leid, ich habe keine Lust mehr. Ich bin müde.»

[news.de] · 10.06.2012 · 08:00 Uhr
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