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Interview: Ben-Ali-Nachfolger drängt sich nicht auf

Tunis/Paris (dpa) - Nach dem Ende der Ära Ben Ali steht Tunesien vor einem politischen Neuanfang, doch das derzeitige Machtvakuum birgt auch Gefahren. Der aus Berlin stammende Historiker Dr. Ralf Melzer (43) leitet seit 2009 die Vertretung der Friedrich-Ebert-Stiftung in dem Land.

Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa analysiert er die derzeitige Situation.

Herr Melzer, hätten Sie vor vier Wochen eine solche Entwicklung für möglich gehalten?

Melzer: «Nein. Der Beschleunigungseffekt der Protestbewegung war nicht vorhersehbar. Es gibt aber Gründe, warum sich die Situation so entwickeln konnte. Das alte Regime hat zu spät reagiert. Hinzu kamen der unverhältnismäßige Einsatz von Gewalt durch die Sicherheitskräfte und die Mobilisierungsmöglichkeiten über die elektronischen Kommunikationsmittel. Dadurch hat die Bewegung eine Dynamik erreicht, die letztendlich alles weggespült hat, was hier in Tunesien über Jahrzehnte den Law-and-Order-Staat ausgemacht hat. Ausschlaggebend war letztendlich, dass in dieser von überwiegend jungen Leuten getragenen Bewegung ein Selbstbewusstsein gewachsen ist. Die Menschen haben gemerkt, dass man etwas bewirken kann - die Aufhebung der Internetzensur, die Freilassung von Inhaftierten, Pressefreiheit. In dem Maße, wie das passiert ist, hat das auch neue Munition in die Bewegung gegeben. Die Forderungen wurden immer größer.»

Wie geht es jetzt weiter?

Melzer: «Jetzt werfen sich neue Fragen auf. Was passiert in dem derzeitigen Machtvakuum? Gelingt es, friedlich und geordnet den Übergang zu organisieren? Oder besteht die Gefahr, dass sich das Land in Tumulten verliert? Die hat es leider bereits teilweise gegeben.»

Aber eine neue totalitäre Herrschaft droht nicht?

Melzer: «Momentan würde ich sagen, das ist nicht zu erwarten. In der derzeitigen Situation kann das aber immer nur eine Momentaufnahme sein. Was die Sache schwierig macht, ist das gegenwärtige Machtvakuum. Die Gewerkschaften sind in einem gewissen Umfang koordinierend tätig, können in einer so zugespitzten Situation das Land allein aber auch nicht in ruhiges Fahrwasser führen. Niemand drängt sich sozusagen als "natürlicher" Nachfolger Ben Alis auf. Vorstellen könnte ich mir eine Kandidatur von Außenminister Kamel Morjane. Interims-Präsident Mohamed Ghannouchi ist ein Technokrat, der sicher keine eigenen Ambitionen hat. Insofern ist er vielleicht der richtige Mann, der dafür sorgt, dass Tunesien zur Ruhe kommt.»

Wie ist die Situation für sie als Ausländer?

Melzer: «Ausgangssperre und Ausnahmezustand schränken die Bewegungsmöglichkeiten stark ein. Wir waren am Freitagnachmittag unterwegs und haben uns ein Bild von der Lage gemacht. Da war die Stimmung eher beklemmend, weil es Anzeichen von Anarchie und Chaos gab.»

Sie Sie in Kontakt mit anderen Deutschen?

Melzer: «Klar, wir tauschen uns aus. Auch mit Mitarbeitern der Botschaft, Bekannten, Freunden. Man kommt der Entwicklung gar nicht mehr richtig hinterher. Kaum hat man mit jemanden gesprochen, ist schon wieder die nächste Nachrichtenlage da. Das sind schon außergewöhnliche Tage hier in Tunesien.»

Konflikte / Soziales / Tunesien
15.01.2011 · 10:44 Uhr
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