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Hoeneß rechnet mit van Gaal ab

Louis van GaalGroßansicht

München/Nürnberg (dpa) - Schon kurz nach der Entlassung von Louis van Gaal und der Verkündung von Andries Jonker als auserkorenem Bayern-Retter folgte die Generalabrechnung durch Präsident Uli Hoeneß.

«Wir haben uns Probleme gemacht, die völlig unnötig waren und den ganzen Verein total durcheinandergebracht haben. Das sollte sich Louis van Gaal mal überlegen. Er hat unseren Rat nicht angenommen und Samstag war das Fass übergelaufen», machte der Präsident seinem Ärger mit verkniffener Miene Luft.

Eine Basis gab es schon lange nicht mehr zwischen den beiden Fußball-Alpha-Tieren, das wurde durch Hoeneß-Aussagen vom Sonntag wieder mehr als deutlich. «Erfolg ist etwas, aber Spaß machen ist das andere. Und der Spaß hat in diesem Verein seit langem gefehlt. Nicht nur bei uns, sondern auch bei den Spielern. Und dass die Spieler hinter dem Trainer standen, das ist ein Märchen», sagte der Präsident. Auch «Kaiser» Franz Beckenbauer befand in seiner «Bild»-Kolumne (Montag), die Trennung sei «nun nicht mehr zu vermeiden» gewesen.

Jetzt ist das «Feierbiest» gefeuert - und Cheftrainer-Nobody Jonker soll wie einst Jupp Heynckes den FC Bayern vor der Europa League bewahren. Fünf Spiele bleiben dem beförderten Assistenten des am Wochenende beurlaubten van Gaal, um den Münchner Fußball-Rekordmeister noch in die Champions League zu führen und und das «Horrorszenario» vom Verlierer-Cup zu verhindern.

«Ich erwarte eine Explosion. Ich erwarte, dass die Zwangsjacke, in der die Spieler seit Monaten stecken, abgestreift wird», sagte Hoeneß mit ernster Miene am Sonntag an der Säbener Straße. Jonker wird sich und seine Arbeit an diesem Montag in einer Pressekonferenz vorstellen.

Wie vor zwei Jahren, als Heynckes in ebenfalls fünf Spielen mit 13 von 15 Punkten nach dem Ende des Experiments mit Jürgen Klinsmann die Königsklasse noch erreichte, soll Jonker nun die Münchner im titellosen Jahr von Rang vier mindestens auf den von Hannover belegten Platz drei führen. Pikanterweise wird Heynckes, der in der neuen Saison das Trainer-Kommando beim FC Bayern übernimmt, am kommenden Sonntag mit Leverkusen der erste Gegner sein. Am Sonntag wehrte der Bayer-Coach alle Fragen zum Münchner Trainer-Theater ab. «Alles, was geredet wird und zum Teil gequatscht wird, ist Kaffeesatz», sagte Heynckes.

Bis zum Eintreffen von «Don Jupp» soll der bisherige van Gaal-Assistent Jonker dem beim 1:1 in Nürnberg blutleer wirkenden Rekordmeister-Team wieder Freude am Kick vermitteln. Hermann Gerland steht ihm als Assistent zur Seite.

«Der Vorstand musste reagieren», sagte Hoeneß, der dem Team die «pure Angst» angesehen hatte. Bei Arjen Robben, der sich unterschwellig auch über die Team-Leistung beklagte, entlud sich der aufgestaute Frust nach dem Schlusspfiff am Samstag in einer Schiedsrichterbeleidigung und seiner ersten Roten Karte in der Bundesliga. Er fehlt zum Start der Jonker'schen Rettungsmission.

Gemeinsam mit den Vorständen Karl-Heinz Rummenigge und Karl Hopfner sowie Sportdirektor Christian Nerlinger fällte Hoeneß die Entscheidung, die Notbremse zu ziehen. Noch am Abend nach dem durch einen Patzer von Keeper Thomas Kraft leichtfertig verschenkten Sieg beim «Club» wurde van Gaal das Ende an der Säbener Straße in einer «relativ kurzen Geschichte» mitgeteilt. Ohne «emotionale Regung», so Rummenigge, habe der 59-Jährige das Ende seiner seit dem 1. Juli 2009 dauernden Bayern-Zeit hingenommen.

Die vor einem Monat krampfhaft gebastelte und sicher auch mangels Alternativen gewählte Lösung, dass van Gaal statt bis 2012 wenigstens bis zum Ende dieser Saison seine Arbeit fortführen durfte, entpuppte sich letztlich nur als fauler Kompromiss. Und erfolglos war der Versuch sowieso.

Am Sonntag leitete der 48-jährige Jonker zusammen mit Gerland vor mehreren hundert Zuschauern das Auslaufen der Mannschaft, aus deren Kreise sich einige Akteure über den selbstherrlichen van Gaal beklagt haben sollen. Und in den Bossen gärte es seit langem. «Seit Wochen gab es eine Unzufriedenheit, die in uns wächst», betonte Rummenigge und machte eine «Blockade» im Team aus. Die soll Jonker nun lösen. «Wir wollten einen Mann haben, der die Verhältnisse kennt, der weiß, was zu ändern ist», sagte der Vorstandschef. Im neuen Jahr könnte Jonker als Amateurtrainer dem Verein erhalten bleiben, Gerland dann als Assistent von Heynckes bei den Profis bleiben.

Dass ausgerechnet der von van Gaal ohne Not und überraschend im Winter zur Nummer 1 beförderte Thomas Kraft mit seinem Fehler das Ende der Trainer-Amtszeit beschleunigte, bezeichnete Rummenigge als «Ironie des Schicksals». Im schleichenden Abnutzungsprozess van Gaals war das Torhüter-Thema einer von vielen Reibungspunkten. «Mit der Entscheidung, Jörg Butt aus dem Tor zu nehmen, ging die Scheiße los», sagte Hoeneß über die Torwart-Angelegenheit. Statt wie erhofft versöhnlich musste sich van Gaal, der im Vorjahr das Double gewann und das Champions-League-Finale erreichte, vorzeitig durch den Hinterausgang verdrücken.

Für Jonker, der schon in Barcelona Co-Trainer von van Gaal war, sei die Amtsübernahme «natürlich ein großer Schritt», sagte Rummenigge. «Aber er musste nicht lange überlegen. Er ist 100-prozentig davon überzeugt, dass wir alle gemeinsam die Ziele erreichen werden.» Und nicht wie in der Saison 2007/08 wieder im «Verlier-Cup» Europas spielen müssen. «Wir vertrauen Andries Jonker und glauben, dass er die große Aufgabe meistern wird», sagte Nerlinger.

Fußball / Bundesliga / München
10.04.2011 · 22:06 Uhr
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