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Historischer Sieg: Löws «Boy Group» will mehr

Thomas MüllerGroßansicht
Bloemfontein (dpa) - Erst tanzten die Sieger losgelöst über den Rasen, dann floss in der Kabine das Bier - aber die Schampus-Party soll noch folgen. «Natürlich will man jetzt mehr.

Ich gebe mich nicht mit dem Viertelfinale zufrieden», tönte Doppeltorschütze Thomas Müller nach dem historischen deutschen 4:1-Triumph im WM-Achtelfinale gegen den Erzrivalen England. «Das war eine grandiose Leistung gegen erfahrene Engländer», erklärte Bundestrainer Joachim Löw nach einem tollen Fußball-Nachmittag, der an ganz große WM-Spiele erinnerte. Alles war drin in diesem Klassiker, sogar ein nicht gegebenes reguläres «Wembley-Tor», das dieses Mal England ins Mark traf.

«Das war eine taktische Meisterleistung von Jogi», lobte Teammanager Oliver Bierhoff ganz besonders auch Löw. Der Bundestrainer selbst fand für den frischen und mutigen Auftritt seiner jungen Nationalmannschaft am Sonntag in Bloemfontein fast überschwängliche Worte wie «imponierend» und «unglaublich gut». Doch dass sich sein Team mit dem in der Heimat umjubelten Auftritt nun in die Favoriten-Position für den WM-Titel geschossen hat, wies der 50-Jährige zurück. «Wir sind nicht in der Favoriten-Rolle. In einem Turnier gibt es immer unterschiedliche Situationen», erklärte Löw.

Fußball-Deutschland jedenfalls war schon nach dem Sturmlauf ins Viertelfinale völlig aus dem Häuschen. «Ich bin noch ganz bewegt. Das wird sich herumsprechen und zu weltweiter Akzeptanz führen», ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem 4:1 (2:1) aus dem fernen Kanada verlauten. Auch der verletzte Michael Ballack traut seinen Kollegen nach der mit Bravour bestandenen WM-Reifeprüfung nun alles zu: «Riesen-Glückwunsch. Dass wir England so klar bezwingen, damit hatte ich nicht gerechnet. Das war eine Marke, die wir hier gesetzt haben. Wir sind jetzt wohl oder übel einer der Mitfavoriten.»

«Das war ein historisches Spiel. Wir haben die Engländer zurecht nach Hause geschickt», jubelte Torschütze Lukas Podolski (32.), der neben Miroslav Klose (20.) und dem unglaublichen Youngster Müller (67./70.) vor 40 510 Zuschauern im Free State Stadium traf. Im 15. WM-Viertelfinale wartet nun am Samstag in Kapstadt der zweifache Champion Argentinien oder Mexiko auf das DFB-Team. «Wir haben keinen Wunschgegner. Wir nehmen jede Herausforderung an», sagte Löw. «Mexitinien» scherzte der 20-jährige Müller bei der Frage nach dem Wunschgegner. Sein kometenhafter Aufstieg setzt sich weiter rasant fort. «Manchmal geht mir das selbst alles ein bisschen zu schnell.»

«Natürlich gibt uns das Selbstvertrauen für das nächste Spiel», sagte Bastian Schweinsteiger, der immer mehr in die Ballack-Rolle als Chef auf dem Platz hineinwächst. «Wir haben als Mannschaft gezeigt, dass wir alles erreichen können, wenn wir zusammenhalten. Unser Traum ist der Titel, wir wollen jeden schlagen», gab der wiederum starke Mesut Özil als weitere Devise aus. Mit Erreichen des Viertelfinales hat jeder deutsche Spieler schon 50 000 Euro Prämie sicher.

Matthew Upsons Kopfballtor zum 1:2 (37.) konnte die höchste Schlappe der Engländer in einem WM-Spiel nicht verhindern. «Das WM- Aus tut sehr weh - vor allem gegen Deutschland», sagte Kapitän Steven Gerrard. Allerdings haderten die Briten 44 Jahre nach dem legendären Wembley-Tor im WM-Finale 1966 wegen eines «Torklaus» zurecht mit Referee Jorge Larrionda aus Uruguay. Beim Schuss von Frank Lampard (38.) prallte der Ball von der Unterkante der Latte deutlich hinter der Torlinie auf. «Das Spiel wäre nach dem 2:2 völlig anders verlaufen», wetterte England-Coach Fabio Capello.

Die Deutschen hatten das Prestige-Duell lange Zeit fest im Griff und brachten ihre beste Turnierleistung. Die Kombinationen liefen auf Hochtouren, die Offensivabteilung zeigte sich von ihrer besten Seite. Klose, nach verbüßter Sperre für den angeschlagenen Cacau ins Team zurückgekehrt, unterstrich mit seinem 12. WM-Treffer seinen Wert. Damit liegt in der ewigen WM-Torschützenliste in Gerd Müller (14) nur noch ein Deutscher vor dem Münchner, der mit seinem 50. DFB-Tor zudem ein Jubiläum feierte. Auch Podolski traf schon zum 40. Mal.

Schweinsteiger, dessen Einsatz sich erst kurz vor dem Spiel entschieden hatte, erwies sich als Kopf des Teams. Er organisierte im Mittelfeld und leitete mit Özil viele gefährliche Aktionen ein. Die junge deutsche Elf mit einem Durchschnittsalter von 24,8 Jahren kam nur nach dem Anschlusstreffer eine Phase in Schwierigkeiten. Als Jérome Boateng das Kopfballduell gegen Upson verlor und Torwart Manuel Neuer zu spät aus seinem Kasten kam, verkürzte der Abwehrspieler von West Ham United. Danach hatte Deutschland Glück, dass der reguläre Treffer von Frank Lampard nicht anerkannt wurde und der Chelsea-Star später auch nochmals die Latte traf.

In dieser kritischen Phase behielt vor allem Arne Friedrich kühlen Kopf und klärte manch brenzlige Situation, ehe ein schneller Konter über Schweinsteiger das erlösende dritte Tor durch Müller brachte. Wenig später lief Özil der englischen Abwehr auf und davon. Müller machte mit dem vierten Tor den Sack endgültig zu. «Wir wollten durch Klose die Engländer mit Terry immer wieder aus der Abwehr locken. Das hat die Mannschaft klasse umgesetzt», betonte Chefcoach Löw. Noch am Abend machte sich das Team auf den Weg zurück ins Stammquartier nahe Pretoria. «Wir können den Sieg kurz genießen. Aber dann müssen wir wieder hart arbeiten», unterstrich der Bundestrainer.

Fußball / WM / England / Deutschland
28.06.2010 · 10:17 Uhr
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