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Hintergrund: Trio fiel 1998 als Bombenbauer auf

Erfurt (dpa) - Die Polizei war dem Neonazi-Trio aus Jena, das für neun Morde an türkischen und griechischen Kleinunternehmern sowie für die Ermordung einer Polizistin in Heilbronn verantwortlich sein soll, seit 1998 auf der Spur. Damals hoben Polizeibeamte in Jena eine Bombenwerkstatt in einer Garage aus.

Gefunden wurden 1,4 Kilogramm des Sprengstoffs TNT und funktionsfähige Rohrbomben, an denen nur noch der Zünder fehlte. Als Bombenbauer galten zwei Männer und eine Frau, alle drei der Polizei bereits einschlägig bekannt und der rechtsextremen Szene zugeordnet. Die Täter, damals 20, 23 und 24 Jahre alt, konnten jedoch fliehen und spurlos untertauchen.

Bei ihren Ermittlungen fand die Polizei heraus, dass die drei Bombenbastler wohl bereits 1997 einen mit Sprengstoff gefüllten und Hakenkreuz bemalten Koffer in der Jenaer Innenstadt deponiert hatten. Noch ein Jahr zuvor sollen sie eine Puppe mit gelbem Davidstern an einer Autobahnbrücke nahe Jena aufgehängt haben.

Bereits nach der Entdeckung des Bombenlabors sprach der damalige Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, Helmut Roewer, von «einer neuen Gewaltbereitschaft der rechten Szene». Auch auf Bundesebene ließ der Bombenfund die Alarmglocken läuten: Rechtsextremisten zögen durchaus rechtsterroristische Möglichkeiten in Betracht, sagte 1998 Klaus-Dieter Fritsch, damals Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz und heute Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Damals führte er ausdrücklich das Jenaer Bombenlabor als Beispiel an.

Das Neonazi-Trio wurde im selben Jahr im Thüringer Verfassungsschutzbericht erwähnt. Es wurde der rechtsextremen Gruppe «Thüringer Heimatschutz» zugerechnet, die dem Bericht zufolge vor allem im Raum Jena, in Saalfeld und Sonneberg aktiv gewesen ist. Der Heimatschutz sei ein «unstrukturierter Personenzusammenschluss», der bereits 1995 von 20 auf 120 regelmäßig in Kontakt stehenden Neonazis aus ganz Thüringen und Nordbayern angewachsen sei.

Die Gruppe veranstaltete laut diesen Angaben mehrere Neonazikonzerte und tauchte auf NPD-Demonstrationen auf. Sie wird im Bericht der Verfassungsschützer auch für die Versendung mehrerer Briefbombenattrappen an eine Zeitung sowie an die Stadtverwaltung und Polizeidirektion in Jena verantwortlich gemacht.

Das Thüringer Landeskriminalamt (LKA) suchte über viele Jahre im In- und Ausland nach dem flüchtigen Neonazi-Trio, setzte auch Zielfahnder ein. Es gebe keine Hinweise auf organisierte Unterstützung aus der rechten Szene, sagte ein LKA-Sprecher 2003. Damals stellten die Behörden ihre Ermittlungen ein - wegen Verjährung. Das Innenministerium in Erfurt teilte seinerzeit mit, dass auch der Thüringer Verfassungsschutz vergeblich nach dem Aufenthaltsort der damals als «Bombenbauer von Jena» bekannten Neonazis gesucht habe.

Thüringens Innenminister Jörg Geibert (CDU) verwies jetzt in einem Gespräch mit der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» auf die Vermutung eines LKA-Zielfahnders aus dem Jahr 2001, wonach einer der mutmaßlichen Täter durch eine Behörde gedeckt werde. Damals sei vermutet worden, dass eine der gesuchten Personen eine Quelle des Verfassungsschutzes gewesen sei. Daraufhin habe der Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz reagiert und dienstliche Erklärungen in seinem Hause zu dem Vorwurf eingeholt. Die Auskünfte hätten ergeben, dass der Kriminalbeamte falsch gelegen habe.

Kriminalität / Extremismus / Mordserie
14.11.2011 · 11:37 Uhr
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