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Hintergrund: Rede von Ex-Bundespräsident Wulff

Berlin (dpa) - Der zurückgetretene Bundespräsidenten Christian Wulff hat am Donnerstag bei seiner Verabschiedung zum letzten Mal im Schloss Bellevue gesprochen. dpa dokumentiert Auszüge aus Wulffs Rede nach dem vorab verbreiteten Manuskript:

«Herzlichen Dank, dass Sie heute ins Schloss Bellevue gekommen sind. Diesen Anlass hatte ich mir für das Jahr 2015 vorstellen können. Nun ist es anders gekommen. Als Niedersachse hätte ich es wissen können. Es ist die Region auch von Wilhelm Busch. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Ich empfinde heute Bedauern, aber vor allem Dankbarkeit und Zuversicht. Dankbarkeit für wundervolle Begegnungen mit eindrucksvollen Menschen, die sich einsetzen für ihre Nächsten, ihre Umgebung, für unser Land. Hier und in der ganzen Welt. Mein erster Dank gilt daher allen Bürgerinnen und Bürgern in unserer so aktiven Bürgergesellschaft.

(...)

Ich hoffe, dazu beigetragen zu haben, dass ein Nachdenken über unser deutsches "Wir" entsteht. Wir haben eine gemeinsame Zukunft, und die liegt in den Köpfen und Herzen der Menschen, die hier leben. Sie hängt davon ab, dass jeder seine Talente entfalten und einsetzen kann, dass wir offen sind füreinander, für Vielfalt und Wandel.

Sie hängt davon ab, dass wir klare Zeichen setzen, wenn unser Zusammenleben und unsere freiheitliche Demokratie bedroht werden - darum war die Gedenkfeier für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt vor zwei Wochen ein so wichtiges Signal nach innen und in die Welt. Der Dialog der Kulturen ist von entscheidender Bedeutung, schauen wir nur auf den Umbruch in der arabischen Welt.

Bei den vielen Botschafterakkreditierungen und -verabschiedungen und bei meinen Reisen habe ich gespürt, wie viel Wertschätzung Deutschland in der Welt entgegengebracht wird: ob in Japan, in Brasilien, in der Türkei oder in Israel. Mein Besuch dort hat mich besonders berührt. Ich habe gespürt, wie wichtig es war, dass junge Leute - darunter meine Tochter Annalena - dabei waren, um zu zeigen: Wir Deutschen fühlen uns verantwortlich dafür, dass die Erinnerung an die Schrecken der Schoah auch in Zukunft nicht verblasst.

Unser Weg in die Welt führt immer zuerst über Europa. Daran sollten wir gerade in diesen Wochen immer wieder erinnern. Die Europäische Einigung ist unsere gemeinsame großartige Errungenschaft. Sie muss uns alle Anstrengungen wert sein.

Es gibt noch eine Reise, die mir in besonderer Erinnerung ist: der Staatsbesuch in Afghanistan. Weil ich dort Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten getroffen habe, die mir von ihren Erfahrungen von ihrem gefährlichen Einsatz berichtet haben. Ich habe auch im Inland viele Gelegenheiten genutzt, mich mit Soldatinnen und Soldaten zu treffen, um ihnen zu zeigen, dass wir Anteil nehmen, dass wir uns kümmern, dass wir um die Bedeutung ihrer Arbeit wissen. Die Begegnungen mit ihnen und deren Zusammenhalt haben mich tief beeindruckt.

Deswegen bin ich Ihnen, Herr Verteidigungsminister de Maizière, dankbar, dass Sie mir mit dem Großen Zapfenstreich die Gelegenheit geben, mich von den Soldatinnen und Soldaten zu verabschieden und die enge Verbundenheit mit ihnen zu zeigen. Sie alle leisten einen großartigen Dienst, auf den unser Land zu Recht stolz ist.

Vielfalt, Weltoffenheit, Freiheit und sozialer Ausgleich - das macht unser Land aus und stark. Ich wünsche Deutschland von ganzem Herzen eine politische Kultur, in der die Menschen die Demokratie als wertvoll erkennen und sich gerne für die Demokratie einsetzen, mit vielen positiven Erfahrungen.

Ich gehe mit dem Gefühl der Neugier und der Vorfreude auf das, was kommt. Seit 37 Jahren bin ich politisch aktiv. In der Schule, der Universität, in meiner Heimatstadt Osnabrück, im Land Niedersachsen und in der Bundespolitik. Eine Zeit mit Höhen und Tiefen, aber vor allem der Erfahrung, dass es wichtig und letztlich erfüllend ist, sich politisch zu engagieren. Ich ermutige gerade junge Menschen, sich auf das Wagnis Politik einzulassen.

Meiner Nachfolge wünsche ich eine glückliche Hand für Deutschland und breite Unterstützung. Meine Frau und ich werden uns weiterhin engagiert für unser Land und seine Menschen einsetzen.»

Bundespräsident / Wulff
08.03.2012 · 18:54 Uhr
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