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Hintergrund: Hauptursachen der Finanzmarktkrise

New York (dpa) - Der Untergang der US-Investmentbank Lehman Brothers gilt als Höhepunkt der Finanzkrise. Von der Lehman-Pleite gingen Schockwellen aus, die die Finanzmärkte erschütterten, das Vertrauen in die Banken zerrütteten.

Beispiellose staatliche Milliardenprogramme zur Stützung waren notwendig. Schließlich wuchs sich die Krise zur schärfsten Rezession der Weltwirtschaft in der Nachkriegszeit aus. Die Ursachen für das Desaster sind vielfältig. dpa erläutert im folgenden die Vorgeschichte und die wichtigsten Faktoren.

BILLIGES GELD: Nach dem 11. September 2001 betreibt die Fed die Politik des billigen Geldes. Sie senkt den Leitzins drastisch. Angesichts jahrelang steigender Hauspreise und niedriger Zinsen nutzen Millionen ihr Haus als Geldmaschine. Eigenheimbesitzer dürfen Festzinshypotheken ohne Strafzins vorzeitig kündigen und günstiger refinanzieren. Das Geld fließt in den Konsum, der Kaufrausch auf Pump beginnt. Von der Politik massiv gefördert, erleben die USA somit bis 2006 einen beispiellosen Immobilienboom.

KAUFRAUSCH: Viele Hausbesitzer erhöhen ihre Hypothek noch und kaufen damit weitere Immobilien oder stecken das Geld in Autos, Möbel oder Fernseher. Die Konsum- und Immobilienblase pumpt sich immer weiter auf. Auch im Ausland kaufen die Amerikaner wie verrückt, auch begünstigt vom überbewerteten Dollar. Vor allem in Asien wird der Export angekurbelt.

MÄRKTE BOOMEN: Bei niedrigen Zinsen boomen die Märkte weltweit, mit billigen Krediten wird der Kaufrausch finanziert, der verhängnisvolle Kreislauf aus Verschuldung und Kreditblase beschleunigt sich. Das Finanzsystem bläht sich immer mehr auf.

SINKENDE RISIKOSCHEU: Die für Hypothekenkredite geforderten Sicherheiten werden mit Förderung der Politik immer mehr heruntergeschraubt. Zuletzt gibt es Darlehen ohne jede Garantie (subprime-Kredite). Wegen des Überangebots und wieder anziehender Zinsen beginnt der Immobilienmarkt zu kippen. Viele Haushalte haben sich inzwischen überschuldet und können die Kredite nicht zurückzahlen.

KOMPLIZIERTE FINANZPRODUKTE: Banker an der Wall Street wollen den Geldstrom weiter laufen lassen. Sie erfinden dafür immer kompliziertere Finanzprodukte. Millionen von Subprime-Krediten werden gebündelt, wieder aufgeteilt und weltweit an Investoren verkauft. So entstehen neue Instrumente, die in Wahrheit keiner mehr durchschaut. Heute wird im diesem Zusammenhang von «toxischen» oder Giftpapieren gesprochen. Weil die innovativen Finanzprodukte zunächst Gewinne abwerfen, greifen auch deutsche Banken vielfach zu.

GIER: Je mehr Risikopapiere die Investmentbanker verkaufen, desto höhere Boni streichen sie ein. Für Verluste sind sie dagegen nicht haftbar. Immer größere Risiken werden eingegangen. Der Geldgier sind keine Schranken gesetzt.

RATINGAGENTUREN: Die Bewertungsspezialisten geben Topbewertungen für für Papiere, die diese Auszeichnung niemals verdient hätten. Zudem werden sie vielfach von den Unternehmen bezahlt, deren Papiere sie bewerten.

FEHLENDE REGULIERUNG: Ganze Bereiche der Finanzwelt arbeiten ohne Regeln und Vorschriften. Auf der Jagd nach Renditen und frischem Geld legen Hedge-Fonds, Investmentbanken und sogenannte Zweckgesellschaften, die außerhalb jeglicher Bilanzierung zuhauf neu gegründet werden, immer neue Fonds und Risikopapiere auflegen.

MANGELNDE AUFSICHT: Neben fehlenden Regeln gibt es auch keine wirksame Aufsicht. Die Banken- und Börsenaufsicht versagt, zum Teil wird wie in den USA die Aufsicht noch abgebaut, Notenbanken warnen erst, als die Verschuldungsblase längst bedrohliche Ausmaße angenommen ist. Warnungen werden zudem in den Wind geschlagen, auch weil sich die Politik an der boomenden Weltwirtschaft erfreut, die zum Beispiel in Deutschland die Arbeitslosigkeit drastisch gesenkt hat.

DIE BLASE PLATZT: Als mit dem Häusermarkt auch der Handel mit den auf Immobilien fußenden Papieren zusammenbricht, ist es für einen Ausstieg viel zu spät. Die Abwärtsspirale setzt sich ebenso rasant in Gang, wie sich zuvor der Boom beschleunigt hat. Die Finanzindustrie muss weltweit Abschreibungen vornehmen; über das ganze Ausmaß wird immer noch spekuliert; der Schaden geht in die Billionen. Aktienmärkte brechen zusammen, Banken leihen sich untereinander kein Geld mehr, das Finanzsystem steckt in einer nie zuvor gekannten Vertrauenskrise. Die schiere Angst regiert die Ökonomie. Das weltweite Finanzsystem droht zu kollabieren, als am 15. September 2008 die weltweit verflochtene Investmentbank Lehman Brothers zusammenbricht. Die Finanzkrise hinterlässt erste Schleifspuren in der Realwirtschaft, die anfangs noch unterschätzt werden; bald wächst sich die ursprünglich auf den US-Immobilienmarkt beschränkte Krise zur globalen Rezession aus.

Finanzen / Banken
17.09.2009 · 09:41 Uhr
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