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Hintergrund: Gewalt überschattet Afghanistan-Wahl

Unmittelbar nach Schließung der Wahllokale beginnt die Auszählung.Großansicht
Kabul (dpa) - Aufgeregt sei er, sagt Mohammad Nabi, denn jetzt wähle er seinen neuen Präsidenten. «Es ist eine Verpflichtung für jeden Muslim und jeden Afghanen, seine Stimme abzugeben», sagt der 28-Jährige. Die Sicherheitslage, so meint er, sei zumindest in Kabul gut genug dafür.

Nicht jeder denkt wie Nabi, der auf die Öffnung des Wahllokals in einer Moschee in der Hauptstadt wartet. Während sich an demselben Gotteshaus bereits vor Beginn der Präsidentschaftswahl vor fünf Jahren eine lange Schlange bildete, stehen dort am frühen Donnerstagmorgen nur eine Handvoll Wähler.

Zwar haben die Taliban die Präsidentschaftswahl nicht stoppen können. Gewaltsam gestört haben die Aufständischen sie aber doch. Mehr als 50 Menschen wurden am Wahltag getötet, rund die Hälfte davon waren Aufständische. Bei der Schließung der Wahllokale hatte das Verteidigungsministerium 135 Zwischenfälle im Land verzeichnet, darunter vier Selbstmordanschläge. Sechs weitere Selbstmordattentäter konnten Sicherheitskräfte vor der Tat stoppen. Im Süden, Osten und Norden kam es zu Dutzenden Raketenangriffen, die Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreiteten. Neun Polizisten, neun Zivilisten und acht Soldaten starben bei Anschlägen und Kämpfen.

Zu den schwersten Gefechten am Wahltag kam es im Norden - ein weiteres Indiz dafür, wie sehr sich die Lage im Verantwortungsbereich der Bundeswehr verschlechtert hat. In der Provinz Baghlan griffen die Taliban in einem Distrikt an und töteten den dortigen Polizeichef. Ein Polizeisprecher sagte, deutsche Soldaten hätten die afghanischen Sicherheitskräfte dabei unterstützt, die Aufständischen zurückzuschlagen, 21 Taliban-Kämpfer seien getötet worden. Das Bundesverteidigungsministerium dementierte eine deutsche Beteiligung an den Kämpfen. Auf die Stadt Kundus, wo die Bundeswehr ein Feldlager unterhält, wurden mehrere Raketen abgefeuert, eine traf ein Wahllokal und verletzte ein Kind.

Während der laufenden Abstimmung versuchten die Behörden, die Berichterstattung über Anschläge zu unterdrücken. In einer Anordnung, die eher an ein Militärregime als an eine demokratische Regierung erinnerte, verbot der Nationale Sicherheitsrat allen Medien, während der Wahl Meldungen über Gewalt zu verbreiten. Afghanen sollten über Anschläge und Angriffe im Dunkeln gelassen werden, um nicht von der Teilnahme an der Wahl abgeschreckt zu werden. Der Chef des größten afghanische Privatsenders Tolo, Saad Mohseni, nannte die besonders von internationalen Medien ignorierte Anordnung «naiv und bizarr». Die Afghanen hätten ein Recht darauf zu wissen, ob sie beim Gang zum Wahllokal ihr Leben riskierten, sagte Mohseni.

Bereits während der Abstimmung zeichnete sich ab, dass die zweite Präsidentschaftswahl seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 viel gewaltsamer verlaufen würde als die Abstimmung vor fünf Jahren. Das wurde spätestens zur Gewissheit, als das Verteidigungs- und das Innenministerium nach Schließung der Wahllokale die Opferzahlen veröffentlichten. Präsident Hamid Karsai, der als Favorit ins Rennen ging, lobte die Wähler, die «Raketen, Bomben und Einschüchterungen» getrotzt hätten. «Das ist großartig», sagt er. Und nach einer kurzen Pause: «Das ist großartig.»

Die drängende Frage ist nun - neben der, ob bei der Abstimmung manipuliert wurde -, wie viele Afghanen tatsächlich wählen gingen. Zahlen wurden am Donnerstag noch nicht genannt. Zwar verkündete die Wahlkommission, fast 95 Prozent der Wahllokale seien geöffnet gewesen - das heißt aber nicht, dass dort auch massenhaft Stimmen abgegeben wurden. Beobachter berichteten aus der südafghanischen Provinz Kandahar über offene, aber verwaiste Wahllokale in Unruhedistrikten. Ähnliche Meldungen gingen aus anderen Provinzen ein. In Kabul schien der Andrang ebenfalls deutlich geringer zu sein als noch 2004.

«Die ganze Wahl hängt von der Beteiligung heute ab», sagte der afghanische Analyst Haroon Mir. «Wenn die Wahl in den Augen der Afghanen wegen geringer Beteiligung nicht glaubwürdig ist, dann wird das ein großes Problem nicht nur für die Wahl selber, sondern auch für die Legitimität des nächsten Präsidenten.»

Konflikte / Wahlen / Afghanistan
21.08.2009 · 11:55 Uhr
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