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Hintergrund: «Fukushima ist nicht Tschernobyl»

Moskau (dpa) - Gleich nach den ersten Explosionen im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Eins machte das Schlagwort «Tschernobyl» die Runde. «Tschernobyl in Zeitlupe», titelte etwa ein russisches Nachrichtenportal. Doch der Vergleich mit der Atomkatastrophe 1986 in der damaligen Sowjetunion hinkt, sagen Experten.

EXPLOSION: Im Gegensatz zum Super-GAU von Tschernobyl explodierten die Reaktoren in Fukushima, als das Atomkraftwerk bereits abgeschaltet war. Das passiert bei schweren Erdstößen wie am vergangenen Freitag in Japan automatisch und soll die Gefahr von Störfällen reduzieren. Zudem blieb der Sicherheitsbehälter zunächst intakt und verhinderte den Austritt radioaktiver Strahlung. In Tschernobyl gab es damals den inneren Sicherheitsbehälter (das sogenannte Containment) rund um die Brennkammer nicht - zudem explodierte der Reaktor am 26. April 1986 bei laufendem Betrieb.

REAKTION: In den betroffenen Fukushima-Meilern hingegen konnte der Druck im Reaktorinneren durch das Ablassen eines Teils der Gase verringert werden, die sich nach dem Ausfall des Kühlsystems und der folgenden Erhitzung der Brennstäbe gebildet hatten. «Die mit dem Dampf ausgetretene Radioaktivität kann mit dem gewaltigen Ausstoß in Tschernobyl überhaupt nicht verglichen werden», erklärt ein Experte des russischen Staatsunternehmens Rosatom der Nachrichtenagentur dpa.

MASSNAHMEN: Nach dem Unfall in Tschernobyl schwieg die Sowjetführung tagelang. Erst nach Messungen skandinavischer Wissenschaftler räumte Moskau den GAU ein. Allerdings hatten auch die Verantwortlichen falsche Informationen übermittelt. So hieß es stundenlang, der explodierte Reaktor sei intakt geblieben - dabei waren die Trümmer nicht zu übersehen. Die Anwohner etwa im nahegelegenen Pripjat - heute eine Geisterstadt - wurden erst nach Tagen in Sicherheit gebracht. Rund um Fukushima ordneten die Behörden direkt einen 10 Kilometer großen Evakuierungsradius an, der bald auf 20 Kilometer erweitert wurde. In einer weiteren 10-Kilometer-Zone sollen Anwohner in den Häusern bleiben. «Das ist völlig ausreichend, um Gesundheitsschäden durch direkte Strahlung zu vermeiden», sagt der oberste Wissenschaftsberater der britischen Regierung, Prof. John Beddington.

FOLGE: Die Explosion in Tschernobyl schleuderte radioaktive Partikel kilometerweit in die Höhe. Der Wind verbreitete die Strahlung über Tausende von Kilometern. Experten seien sich einig, «dass das hier nicht passieren wird», sagt der Greenpeace-Experte Mathias Edler der Nachrichtenagentur dpa. «Das hängt damit zusammen, dass es in Tschernobyl ein graphitmoderierter Reaktor war.» Mit diesem Material statt wie sonst mit Wasser sollten schnelle Neutronen verlangsamt und die Kettenreaktion erhalten werden. «Graphit ist eine Art Kohle, es ist zu tagelangen Bränden gekommen», erklärt Edler.

AUSBLICK: «Im schlimmsten Szenario würde eine Schadstoffwolke von Fukushima in eine Höhe von maximal 500 Meter steigen», sagt der britische Wissenschaftler Beddington. «Daher ginge die Radioaktivität recht nahe am Reaktor herunter.» Die Folgen wären dennoch katastrophal. Weite Landstriche in der Ukraine sowie in Weißrussland sind auch heute noch verseucht. «Problematisch ist insbesondere die hohe Bevölkerungsdichte in Japan», sagt Henrik Paulitz von der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW zu «Spiegel Online». «Das ist kein Vergleich mit Weißrussland nach Tschernobyl.»

Erdbeben / Atom / Japan / Ukraine
17.03.2011 · 00:21 Uhr
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