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Hintergrund: Frankreich - seit 2001 ohne Wehrpflicht

Paris (dpa) - Philippe Leroy schrieb im November 2001 Geschichte. Der damals 23-jährige Franzose war der letzte Rekrut, der seinen Wehrdienst ableistete. Mit einem Hubschrauberrundflug wurde er nach 16 Monaten «Dienst an der Nation» ins Zivilleben verabschiedet. Seitdem hat Frankreich eine reine Berufsarmee.

Präsident Jacques Chirac hatte die Militärreform 1996 eingeleitet und damit das 100-jährige Kapitel der allgemeinen Wehrpflicht beendet. Sie kann bei Bedarf aber jederzeit wieder eingeführt werden. 577 000 Soldaten hatte Frankreich vor der Reform. Heute sind es nach den jüngsten Angaben des Verteidigungsministeriums - ohne Gendarmerie und zivile Mitarbeiter - gerade noch 240 996 Militärangehörige.

Frankreich hat mit seiner Berufsarmee gute Erfahrungen gemacht. Schwierigkeiten, geeignete Kandidaten zu finden, gab es kaum in dem Land mit seiner langen Militärtradition. Da es genug Nachwuchs gab, konnte das Militär sogar schon früher als geplant auf die Wehrpflichtigen verzichten. In regelmäßigen Abständen werden durch «Tage der Armee» neue Kandidaten und Kandidatinnen geworben. Der Frauen-Anteil gilt heute als einer der höchsten in Europas Armeen.

Jährlich müssen rund 750 000 Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren zu der eintägigen Informationsveranstaltung. 135 Millionen Euro lässt sich der französische Staat das jährlich kosten. Seit 1997 können sich interessierte Jugendliche ab 17 Jahren zudem für eine Mindestzeit von zwölf Monaten als Freiwillige beim Militär bewerben.

Die Umstrukturierung war eine direkte Folge der politischen Veränderungen in Europa. Seit dem Fall der Mauer hatte Frankreich keine direkten Bedrohungsszenarien mehr an seinen Grenzen. Die französischen Auslandseinsätze - etwa im früheren Jugoslawien - sowie die immer kompliziertere Militärtechnik machten zudem eine hoch spezialisierte und mobile Armee notwendig.

Der allgemeine Militärdienst war auch von einer gesellschaftlichen Debatte überschattet - rund ein Viertel aller Wehrpflichtungen verstand es damals, sich ihm zu entziehen. Die meisten kamen aus gutsituierten Familien, deren Eltern politische Beziehungen hatten.

Die Umstrukturierung ging einher mit der Streichung von mehr als 20 000 Arbeitsplätzen im Militär- und Zivilbereich, aber auch in der mächtigen Rüstungsindustrie des Landes. Kleinere Signalstationen an der Küste wurden ebenso wie die Atomraketen-Abschussrampe auf dem «Plateau d'Albion» geschlossen. Protestaktionen an den betroffenen Standorten oder in den Betrieben waren die Folge. Die Regierung federte durch Infrastrukturhilfen viele Auswirkungen der Standortschließungen ab. In Deutschland hatte die französische Militärreform ebenfalls Konsequenzen, da dort zahlreiche Regimenter abgezogen wurden und Arbeitsplätze im Zivilbereich wegfielen.

Nach den Krawallen in den Vorstädten der französischen Großstädte führte Präsident Chirac 2005 einen freiwilligen Zivildienst ein. Er war zunächst wenig populär. Zwischen 2006 und 2009 gab es nach Medienberichten gerade mal 6300 Jugendliche, die sich für diesen Dienst begeistern konnten.

Chiracs Nachfolger Nicolas Sarkozy will das ändern: Er peilt bis 2014 eine Zielgröße von 75 000 Zivildienstleistenden an. Für eine monatliche Entschädigung von 540 bis 640 Euro sollen sie sich an humanitären Einsätzen beteiligen, Kindern aus sozialen Brennpunkten Nachhilfe geben oder Behinderte pflegen.

Verteidigung / Bundeswehr / Reform / Frankreich
23.08.2010 · 21:55 Uhr
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