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Hintergrund: Die Brandherde der Schuldenkrise

Berlin (dpa) - Brandherde oder Flächenbrand? Auch nach milliardenschweren Hilfspaketen und immer neuen Rettungspakten dauert die Finanz-Misere der Eurozone an. Ein Überblick:

- GRIECHENLAND war das erste Sorgenkind in der Eurozone. Trotz harter Sparprogramme macht das Land weiter Schulden. Auch das Sparziel für dieses Jahr wird verfehlt. Das Haushaltsdefizit kann nicht wie vereinbart auf 7,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gedrückt werden. Ohne Neuverschuldung soll der Haushalt erstmals 2012 auskommen, geplant sind Einsparungen von 6,6 Milliarden Euro. Nur eine erneute Kredittranche von acht Milliarden Euro kann die drohende Staatspleite kurzfristig verhindern. Dafür müssen die Kontrolleure von Europäischer Union (EU), Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) grünes Licht geben.

Diskutiert wird inzwischen ein Schuldenschnitt Griechenlands von bis zu 60 Prozent. Gläubiger müssten dann auf diesen Teil ihrer Forderungen verzichten. Vor allem französische Banken hatten in der Vergangenheit stark in griechische Staatsanleihen investiert.

- ITALIEN hat nach Griechenland den zweithöchsten Schuldenstand in der Eurozone gemessen an der Wirtschaftsleistung. Im Juli lag die Staatsverschuldung bei 1,9 Billionen Euro. Schreckgespenst ist eine Zahlungsunfähigkeit Italiens. Italien ist die drittgrößte Euro-Volkswirtschaft. Die Ratingagenturen Moody's und Fitch hatten Anfang Oktober die Kreditwürdigkeit des Landes herabgestuft. Die Ratingagentur Standard & Poor's hatte das bereits im Vormonat getan. Moody's senkte zudem die Bonität der beiden größten italienischen Banken. Konsequenz: Kreditgeber dürften für die schlechtere Bonität höhere Zinsen von Italien als Risikoprämie verlangen.

Obwohl das Land in den vergangenen Monaten zwei Sparpakete von rund 90 Milliarden Euro verabschiedet hatte, kritisieren Experten die Sparbemühungen der Regierung von Silvio Berlusconi. Hauptpunkt sind fehlende Maßnahmen zur Förderung des Wachstums. Die Arbeitslosenquote in Italien liegt bei 8,6 Prozent.

- Experten fürchten auch für SPANIEN Risiken durch die Euro-Schuldenkrise. Die Ratingagentur Moody's senkte die Kreditwürdigkeit des Landes Ende Oktober auf «A1». Zuvor hatten bereits Fitch und Standard & Poor's die Bonität Spaniens gesenkt. Das Land erlebt derzeit, wie teuer dieses Misstrauen werden kann. Für frische Kredite verlangen Geldgeber spürbar höhere Zinsen. Die Regierung sieht sich als Opfer der von der Griechenland-Krise ausgelösten Unruhen auf den Finanzmärkten. Wie Italien leidet das Land unter einem schwachen Wirtschaftswachstum. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund 20 Prozent. Spanien ist die viertgrößte Euro-Volkswirtschaft.

- PORTUGAL gilt unter den EU-Krisenstaaten als Musterschüler. Um die hohe Verschuldung zu bekämpfen, fährt das Land ein hartes Sparprogramm. Das ärmste Land Westeuropas muss sein Haushaltsdefizit dieses Jahr auf 5,9 Prozent drücken - als Gegenleistung für das 78 Milliarden schwere Hilfspaket von EU und IWF. Die Bevölkerung reagiert besorgt und verärgert auf den Kurs der Regierung. Der soziale Frieden ist für die Gewerkschaften in Gefahr, die einen Anstieg der Armut sieht. Dabei könnten alle Opfer umsonst sein: Mit 8,3 Prozent fiel das Etatminus Portugals im ersten Halbjahr zu hoch aus.

- IRLAND kroch als erstes Land unter den Euro-Rettungsschirm EFSF. Der frühere «keltische Tiger» stand im November 2010 vor der Staatspleite, nun bekommt das Land Kredite von 67,5 Milliarden Euro. Aus eigener Kraft legt es 17,5 Milliarden Euro drauf. Irlands Schuldenberg ist größer als seine Wirtschaftsleistung eines Jahres - 160 Milliarden Euro. Premierminister Enda Kenny spart jedoch kräftig. Spätestens 2013 - vielleicht sogar schon 2012 - will er, dass Irland an den Finanzmärkten wieder Kredite bekommt. Tatsächlich besteht Hoffnung: Die Exporte ziehen an und gleichen den schwachen Konsum aus. Im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaft um 1,6 Prozent.

- DEUTSCHLAND könnten durch einen Schuldenschnitt Griechenlands hohe Verluste drohen: Die Notkredite der Bundesrepublik beliefen sich zuletzt auf 13,45 Milliarden Euro. Ein Schuldenschnitt könnte also den Staat als Gläubiger treffen. Das würde bedeuten, dass auch die deutschen Steuerzahler erstmals echtes Geld verlieren würden. Das gilt bisher als unwahrscheinlich. Viele deutsche Banken schrieben den Wert griechischer Anleihen in ihren Büchern ohnehin schon ab. Einen Schuldenschnitt allein in Griechenland würden deutsche Institute verkraften.

EU / Finanzen / Gipfel
20.10.2011 · 12:23 Uhr
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