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Hintergrund: Das löchrige US-Regierungsnetz SIPRNet

Berlin/Washington (dpa) - Das offene Internet erschien der US-Regierung für den Transport geheimer Regierungsdokumente viel zu unsicher. Daher ordnete das Pentagon im September 1991 den Aufbau des Secret Internet Protocol Router Networks (SIPRNet) an.

In diesem geheimen Netzwerk sollten Dokumente des Außen- und Verteidigungsministeriums bis zur zweithöchsten Geheimhaltungsstufe sicher übermittelt werden. Angriffen von außen hielt das Geheimnetz der Amerikaner stand, doch gegen Attacken von innen war das SIPRNet offenbar nur mäßig geschützt. Davon profitiert nun die Enthüllungsplattform WikiLeaks.

«Schwache Server, unzureichende Aufzeichnungen (der Aktivitäten im Netz), schwacher Zugriffsschutz, schwache Spionageabwehr, nachlässige Signalanalyse... ein komplettes Desaster», lautet das vernichtende Urteil des Obergefreiten Bradley Manning, der als Sicherheitsspezialist der US-Streitkräfte im Irak Zugang zum SIPRNet hatte. In einem Chat mit dem ehemaligen US-Hacker Adrian Lamo malte sich Manning Ende Mai die Reaktion seiner Regierung aus, sollten hunderttausende Geheimpapiere aus dem SIPRNet an die Öffentlichkeit gelangen. «(US-Außenministerin) Hillary Clinton und mehrere hunderttausend Diplomaten in aller Welt bekommen einen Herzanfall, wenn sie eines Morgens aufwachen und herausfinden, dass eine komplette Sammlung von Verschlusssachen aus der Außenpolitik in einem durchsuchbaren Format veröffentlicht wurde.»

Der 23 Jahre alte Manning gilt als die wichtigste Quelle der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Zum einen soll er ein Video nach außen geschmuggelt haben, auf dem der Einsatz eines US-Kampfhubschraubers aus dem Jahr 2007 aus der Perspektive der Bordkamera aufgenommen wurde. In dem Video aus Bagdad war deutlich zu sehen, wie elf Zivilisten - darunter zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters - aus dem Hubschrauber heraus erschossen wurden. Außerdem gilt Manning als Quelle der über 250 000 diplomatischen Depeschen, die jetzt Schlagzeilen machen.

Nach Darstellung von Adrian Lamo schmuggelte Manning die geheimen Daten auf selbst gebrannten CDs nach außen, die er während seiner Dienstzeit in Bagdad kopiert hatte. Er konnte sie Lamo zufolge nach dem Ende des Einsatzes im Irak unbehelligt mit nach Hause nehmen, weil er sie mit «Musik von Lady Gaga» beschriftet hatte. Lamo soll Manning später angezeigt haben. Das Protokoll des Chats zwischen Lamo und Manning wurde vom US-Magazin «Wired» veröffentlicht.

Manning wurde im Mai festgenommen und am 5. Juli 2010 nach US-Militärrecht wegen Geheimnisverrats angeklagt. Sollte er schuldig gesprochen werden, drohen ihm bis zu 52 Jahre Haft.

Manning ist aber vermutlich nicht die einzige undichte Stelle im SIPRNet. 2,5 Millionen US-Beamte und -soldaten haben Zugriff auf das Geheim-Netzwerk. Und selbst Material mit der Klassifizierung «Top Secret» soll immerhin noch etwa 850 000 Amerikanern zur Verfügung stehen. Sollte SIPRNet tatsächlich so schlampig aufgesetzt und so schlecht gegen unbefugte Zugriffe von innen geschützt sein, wird US-Außenministerin Hillary Clinton auch in der Zukunft nicht vor bösen Überraschungen gefeit sein.

Konflikte / Internet / USA
29.11.2010 · 08:09 Uhr
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