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Haiti-Hilfe vor Nadelöhr Flughafen

Zwei Frauen trauern in Port-au-Prince um getötete Angehörige.Großansicht
Buenos Aires/Port-au-Prince/New York (dpa) - Zwei Tage nach dem verheerenden Jahrhundertbeben in Haiti ist eine gigantische weltweite Hilfsaktion angelaufen.

Während jedoch mit jeder Stunde die Chancen schwanden, Menschen noch lebend unter den Trümmern zu finden, drangen Helfer aus aller Welt nur mühsam in das Katastrophengebiet vor. Der beschädigte Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince erwies sich dabei als größtes Hindernis. «Dank der sofortigen Hilfe so vieler Staaten haben wir sehr viel Personal und Hilfsgüter. Aber wir müssen sie ja auch ins Land bringen. Die Flughäfen sind der Flaschenhals», klagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes am Donnerstag in New York.

Die Helfer, die Port-au-Prince erreichten, stießen auf Chaos, Tod und Verwüstung. Zwischen Leichenbergen und Ruinen irrten Tausende verletzt, hungernd und traumatisiert durch die Trümmerstadt. Erste Plünderungen wurden gemeldet. Luftbilder zeigten Landschaften wie nach einem Flächenbombardement. Haitis Regierung befürchtet zwischen 50 000 und 100 000 Tote, ob auch Deutsche darunter waren, ist noch immer unklar. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, eine Gruppe von sechs Bundesbürgern sei zurück nach Deutschland geflogen. Andere Deutsche seien über den Landweg in die benachbarte Dominikanische Republik ausgereist.

Holmes betonte, dass zunächst die Suche nach Überlebenden im Vordergrund stehe. «Ich kann nicht genau sagen, wie lange wir noch ?Search and Rescue? machen. Aber solange es noch eine Chance gibt, werden wir suchen», sagte der Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten.

Die weltweite Betroffenheit löste eine gigantische Welle der Hilfsbereitschaft aus. US-Präsident Barack Obama sagte 100 Millionen US-Dollar (rund 69 Millionen Euro) zu. Haiti habe derzeit oberste Priorität für seine Regierung, sagte Obama. Auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds machten Zusagen in Höhe von je 100 Millionen Dollar. Schauspieler George Clooney und viele seiner Kollegen wollen eine TV-Spendenaktion ins Leben rufen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mahnte, dass die ersten 72 Stunden nach einer derartigen Katastrophe entscheidend seien. Noch immer würden rund 150 UN-Mitarbeiter vermisst, während 22 tot seien.

In Port-au-Prince herrschten chaotische Zustände. Überlebende versuchten weiter mit bloßen Händen, Verschüttete aus den Trümmern zu retten. Auf den Straßen lagen Leichen, Überlebende schrien ihre Verzweiflung in die Kameras. Menschen campierten vor einem Krankenhaus, in der Hoffnung auf Hilfe. Vor dem beschädigten Gebäude stand ein Lkw zum Abtransport der Leichen.

Nach Auskunft von Holmes werden vor allem sauberes Wasser, Nahrungsmittel und Medizin gebraucht. «Die Infrastruktur in Haiti ist schwer geschädigt. Aber das ermutigende ist, dass jeder mit anpackt. Wir haben so viele Hilfszusagen über Geld, Nahrung, Personal und Flugzeuge, dass das wirklich motivierend ist.»

Das ganze Ausmaß der Katastrophe blieb aber ebenso unklar wie das Schicksal vieler der knapp 100 Deutschen in dem Inselstaat. Etwa drei Millionen der neun Millionen Einwohner Haitis sind nach Angaben des Roten Kreuzes in Not. US-Außenministerin Hillary Clinton verglich die Katastrophe mit dem verheerenden Tsunami, der Weihnachten 2004 Asien heimgesucht hatte. Die ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton sollen gemeinsam die Erdbeben-Hilfe für Haiti koordinieren.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy machte sich unterdessen für eine internationale Wiederaufbau-Konferenz für Haiti stark. Über diesen Vorschlag wolle er mit Obama sprechen, sagte er in Paris. Die spanische EU-Ratspräsidentschaft plant für Montag ein Sondertreffen der europäischen Entwicklungshilfeminister zu Haiti.

Zum Drehkreuz für viele Helfer wurde Santo Domingo im Nachbarland Dominikanische Republik. Teams von «Ärzte ohne Grenzen» versorgten in Haiti Patienten mit Knochenbrüchen, Kopfverletzungen und anderen schweren Traumata. Die Kliniken sind größtenteils zerstört, und es mussten Zelte aufgebaut werden, um die Patienten zu versorgen, wie die Organisation mitteilte. Mehr als 1000 Patienten seien bisher von «Ärzte ohne Grenzen» behandelt worden.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) will am Samstag von Berlin aus eine Frachtmaschine mit einer mobilen Mini-Klinik nach Haiti schicken. Rund 200 Kisten mit Zelten, Betten, Verbandsmaterial und Medikamenten soll die Maschine transportieren. Die mobile Gesundheitsstation könne innerhalb eines Tages aufgebaut werden. In sieben großen Zelten sind die Helfer dann in der Lage, pro Tag bis zu 250 Patienten zu versorgen.

Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF betonte, vor allem die Kinder müssen so rasch wie möglich vor Hunger und Krankheiten geschützt werden. UNICEF warnt angesichts der chaotischen Zustände vor dem Ausbruch von Epidemien. Viele seien verzweifelt und stehen unter Schock. «Wir müssen jetzt alles tun, um Hunderttausende Kinder in Haiti vor einer zweiten Katastrophe durch Hunger und Krankheiten zu schützen», sagte Regine Stachelhaus, Geschäftsführerin von UNICEF Deutschland. Bereits vor der Naturkatastrophe waren rund ein Viertel der Kinder unterernährt und sind jetzt besonders gefährdet. Etwa die Hälfte der betroffenen Bevölkerung ist unter 18 Jahren; die meisten leben in extremer Armut.

Der UN-Generalsekretär kündigte an, mit dem früheren US-Präsidenten und UN-Sondergesandten für Haiti, Bill Clinton, bald in das Land reisen zu wollen. Clinton sagte im Sender CNN, man stehe vor einer gewaltigen Herausforderung. «Wir brauchen Nahrungsmittel, mehr sauberes Trinkwasser und mehr Hubschrauber.»

Erdbeben / Haiti
14.01.2010 · 23:22 Uhr
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