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Haftungsfrage: Ausnahmezustand im Luftverkehr

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Frankfurt/Main (dpa) - Der Luftverkehr in Europa ist nach dem Stillstand wegen der Vulkanasche aus Island langsam wieder in Bewegung - doch im deutschen Luftraum herrscht ein einmaliger Ausnahmezustand.

Die Deutsche Flugsicherung will weiterhin nicht die Verantwortung für Flüge durch möglicherweise gefährliche Vulkanasche übernehmen; die Fluggesellschaften können den Betrieb mit Sichtflügen aber wieder aufnehmen und haben Sondergenehmigungen des Luftfahrtbundesamtes.

Flugsicherungs-Sprecher Axel Raab stellt klar: «Die Verantwortung können wir nicht übernehmen.» Daran sei die Flugsicherung auch durch internationale Vorschriften gehindert. Denn schließlich gibt der Deutsche Wetterdienst den Fluglotsen regelmäßig die neuesten Daten, wo sich die kleinsten Aschepartikel befinden könnten. Die Konsequenz: Die Flugsicherung verlängerte ihre Luftraumsperrungen bis zunächst 20.00 Uhr am Dienstag. Konkret bedeutet dies, dass kein Lotse für die Führung von Flugzeugen im unteren Luftraum verantwortlich ist.

Doch Fluggesellschaften wie die Deutsche Lufthansa sehen keine Gefahr am strahlend blauen Frühlingshimmel. Sie ließen die Jets wieder starten. «Schon bei den Überführungsflügen am Samstag sind die Maschinen zum Teil bis 8000 Meter aufgestiegen und in Bereiche geflogen, in denen die Aschewolke nach den Simulationsberechnungen vermutet wurde», sagt Lufthansa-Sprecher Andreas Bartels. Dabei seien keinerlei Schäden an den Triebwerken festgestellt worden, ebenso nach den jüngsten Flügen am Montag und Dienstag.

Für die Flüge nutzen die deutschen Airlines die Sonderregelung für Sichtflüge, die nicht auf Unterstützung durch die Lotsen angewiesen sind. Zusätzlich holten sie sich noch eine Sondergenehmigung des Luftfahrtbundesamtes, weil in normalen Zeiten gewerbliche Passagierflüge mit Maschinen von mehr als 14 Tonnen Gewicht überhaupt nicht nach Sichtflugregeln starten dürfen. Allein die Lufthansa wollte so am Dienstag 200 Flüge absolvieren - was aber weiterhin nur ein Bruchteil der üblicherweise 1800 Flüge bedeutete.

Konkret ändert sich durch die Sichtflugregeln für die Piloten nicht viel. Sie starten wie gewohnt an den großen Verkehrsflughäfen. Bis in einer Höhe von rund 6000 Metern, die in etwa zehn Minuten erreicht werden, achten sie selbst auf den Verkehr und umfliegen alle Wolken, erläutert Raab. Da derzeit ohnehin nicht viele Maschinen unterwegs sind, gilt das auch als sicher - solange die Aschepartikel nicht stören. Ab einer Flughöhe von rund 6000 Metern, wo keine Asche mehr vermutet wird, übernehmen dann wieder wie gewohnt die Fluglotsen die Führung der Maschinen und legen die genauen Routen fest.

Doch bei den Piloten regt sich Widerstand. «Man hat nur eine juristische Winkelkonstruktion gesucht, um die Flugzeuge in die Luft zu bringen», schimpft etwa der Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, Jörg Handwerg. An der wissenschaftlichen Einschätzung der Gefährlichkeit der Aschewolken habe sich nichts geändert, kritisiert er im Deutschlandfunk. Die Flugsicherung zeigt Verständnis für die Piloten. «Im Grunde will keiner die Verantwortung übernehmen», sagt Raab, der früher selbst als Lotse gearbeitet hat.

Der Grünen-Politiker und Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Bundestags, Winfried Hermann, kritisiert das Verhalten der Fluggesellschaften. Die Airlines hätten massiven Druck auf die Politik ausgeübt, um Ausnahmegenehmigungen zu erhalten, sagt er im Sender hr-Info. Immerhin: Versichert sind die Maschinen auch auf Sichtflügen. Alles, was mit behördlicher Genehmigung unterwegs sei, behalte den vollen Versicherungsschutz, erklärt ein Sprecher von Deutschlands größter Versicherung Allianz. Dabei spiele Sichtflug oder Steuerung durch die Lotsen keine Rolle.

Fluggäste müssen sich nach Ansicht des Flugrechtsexperten Professor Ronald Schmid aus Frankfurt aber nicht auf die derzeitigen Sichtflüge einlassen. «Wem das zu unsicher erscheint, kann auch eine Umbuchung verlangen», sagt der Anwalt. Wenn die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) solche Flüge für unverantwortlich halte, müsse der Laie nicht zu einem anderen Ergebnis kommen. Letztlich müssten solche Streitfälle aber eh von Gerichten entschieden werden.

Klar ist laut Schmid die Haftungsfrage im Falle eines Absturzes geregelt. Da müssten die Fluggesellschaften auch für Fehlleistungen ihrer Angestellten einstehen. Doch auch wenn die Fluglotsen die Verantwortung nicht tragen wollen, Unterstützung bieten sie trotzdem an: «Die Fluglotsen lassen die Maschinen nicht ins offene Messer fliegen», sagt Raab.

Vulkane / Luftverkehr / Island
20.04.2010 · 22:37 Uhr
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