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Gründe für das Chaos auf Londons Straßen

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London (dpa) - In London eskaliert die Gewalt. In vielen Vierteln brennen Häuser, Autos und Läden - und die Polizei ist zur Zurückhaltung verpflichtet. Die Staatsgewalt versucht fieberhaft, die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Der Konflikt geht über die Einwanderer-Problematik weit hinaus.

Die wichtigsten Fragen zur Gewalt auf Londons Straßen:

Wer sind die Randalierer?

Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass es sich vorwiegend um Jugendliche aus den Gangs der Vorstadtghettos handelt. Der Londoner Sozialexperte Gavin Poole nennt sie «eine verlorene Generation». Sie kennen nichts anderes als Gewalt. «Diese Leute schrecken nicht davor zurück, ihre Kumpanen umzubringen, warum sollten sie davor zurückschrecken, Läden hochzunehmen», sagt Professor Gus John von der University of London.

Handelt es sich um ein Einwandererproblem?

Tatsächlich gehören viele Einwanderer zu den Ärmsten. Die Randalierer rekrutieren sich jedoch aus allen Ethnien - Weiße, Schwarze, Inder, Muslime, Einwanderer vom Balkan. Dasselbe gilt für die Opfer, die ihre Läden und Wohnungen verlieren. Es ist kein Kampf Schwarz gegen Weiß oder Einwanderer gegen Ur-Briten. Mit den Krawallen ist auch keine Forderung nach sozialer Besserstellung verbunden. «Es ist pure, simple Gewalt», sagt Premierminister David Cameron.

Wie konnte ein solches Gewaltpotenzial entstehen?

Das Potenzial wurde, vor allem in den Vorstadtghettos, jahrzehntelang unter der Decke gehalten - kaschiert vom schönen Schein des glitzernden Vorzeige-London. Die jungen Leute stammen oft aus Familien, deren soziales Gefüge seit Generationen zerstört ist. Alkohol, Drogen und Arbeitslosigkeit regieren in den riesigen Sozialwohnungsblöcken der Londoner Vorstädte. Positive Vorbilder fehlen dagegen völlig. «Kaum einer von diesen Leuten kennt ein funktionierendes Familienleben», sagt Sozialforscher Poole.

Was ist das Ziel der Randalierer?

Es geht wohl vorrangig um Beschaffungskriminalität. Die Jugendbanden der ganzen Stadt haben zu Beginn der Randale im Stadtteil Tottenham live im Fernsehen verfolgt, wie leicht man sich «kostenlos» mit Flachbildfernsehern, Mobiltelefonen und Turnschuhen eindecken kann. Dazu kommt die pure Lust an Gewalt und Zerstörung.

Warum ist die Polizei so passiv?

Die Polizeitaktik von Scotland Yard basiert auf einer Regelung aus dem Jahr 1829. Danach darf körperliche Gewalt nur angewandt werden, wenn alle anderen Maßnahmen nicht fruchteten. Und auch dann darf nur die jeweils nächst höhere Eskalationsstufe angewandt werden. In Großbritannien wurden außerhalb Nordirlands noch nie Wasserwerfer eingesetzt. «Das ist nicht die Art, wie wir in Großbritannien Polizeiarbeit machen», sagte Innenministerin Theresa May. Die Polizei versucht es jetzt mit einer massiven Aufstockung um 10 000 auf 16 000 Ordnungshüter.

Wäre ein offensiveres Vorgehen erfolgreicher?

Darüber streiten sich die Experten. Die Randalierer gehen oft in kleinen Gruppen vor. Sie treten einzeln auf, ballen sich blitzschnell zu Schlägertrupps zusammen und sind genauso flink wieder in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Das Messenger-System der beliebten Blackberry-Smartphones hilft bei der Verabredung. Das macht die Angreifer enorm wendig und die Verfolgung um so schwieriger. «Wir sind in der Unterzahl und kommen mit unserer schweren Ausrüstung überhaupt nicht hinterher», schreibt ein Polizist in seinem Internet-Blog. Der «Daily Telegraph» bezog eindeutig Stellung: «Steht nicht bloß herum!» titelte er unter einem Bild, das Polizisten vor einem brennenden Haus zeigt.

Gesellschaft / Gewalt / Großbritannien
09.08.2011 · 19:19 Uhr
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