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Grausige Armee-Dokumente schockieren Iraker nicht

Ein US-Soldat bewacht am 30.10.2003 einen verhafteten Iraker in Tikrit. Das US-Außenministerium hat Wikileaks scharf dafür kritisiert, die geheimen Dokumente ins Internet zu stellen.Großansicht

Bagdad/Istanbul (dpa) - US-Soldaten schießen an einer Straßensperre im Irak willkürlich um sich und verunstalten anschließend die Leiche eines Opfers. Irakische Polizisten übergießen Verdächtige mit Säure und heißem Wasser: Das sind Horrornachrichten, die in Washington niemand hören will.

Auch jetzt nicht, wo die Regierung gewechselt hat und die US-Armee den Abzug ihrer letzten Truppen aus dem Zweistromland vorbereitet. Im Irak wirbeln die teilweise grausigen Details, die in den von Wikileaks veröffentlichten Aufzeichnungen der US-Armee zu finden sind, dagegen weitaus weniger Staub auf. Dafür gibt es drei Gründe:

Erstens wussten die Iraker über die Menschenrechtsverletzungen durch amerikanische und irakische Soldaten ohnehin Bescheid - entweder aus eigener leidvoller Erfahrung, aus den Erzählungen von Verwandten und Nachbarn oder aus den Parteimedien, die allerdings meist über die Grausamkeiten ihrer eigenen Klientel hinwegsahen.

«Ich glaube nicht, dass das irakische Volk von der Fülle von Informationen über Menschenrechtsverletzungen der US-Armee während der Besatzungszeit überrascht sein wird, denn jeder Iraker kann selbst über solche Vorfälle berichten», erklärt der irakische Parlamentarier Mohammed Ikbal von der sunnitischen Konsensfront- Partei. Er begrüßt die Veröffentlichung trotzdem: «Damit die Menschen in den anderen arabischen Ländern und im Westen auch die Wahrheit erfahren.»

Zweitens ist bei einigen Menschen im Irak durch die Jahrzehnte von Krieg, Besatzung und Staatsterror eine gewisse Abstumpfung eingetreten. Denn es gibt kaum eine Familie, die von den Brutalitäten der Saddam-Ära, dem Schrecken der US-Invasion, den Selbstmordanschlägen und dem Milizenterror verschont blieb. Häufig müssen sogar Kinder mit anhören, wenn ein Gast im Wohnzimmer erzählt, wie man ihn mit Stromstößen gefoltert hat.

Außerdem fehlt einigen Irakern schlicht das Unrechtsbewusstsein, wenn es um die Misshandlung von Verdächtigen bei Verhören geht. Denn unter dem Diktator Saddam Hussein war dies weit verbreitet. Und auch nach der US-Invasion 2003 waren Polizeiwachen und Gefängnisse des Landes keine Orte, an denen die Menschenrechte respektiert wurden. Das stellten auch europäische Beamte fest, die sich in gut gemeinten Schulungsprogrammen darum bemühten, irakischen Richtern, Polizeioffizieren und Gefängniswärtern rechtsstaatliche Prinzipien zu vermitteln.

Drittens sind die Parteien und Reporter im Irak im Moment vor allem mit einer Frage beschäftigt: Wann gibt es endlich eine neue Regierung und wie wird sie aussehen? Denn die Parlamentswahl liegt schon mehr als sieben Monate zurück und die siegreichen Parteien haben sich noch immer nicht auf die Bildung einer Koalitionsregierung geeinigt.

Viele irakische Beobachter vermuteten deshalb auch, dass die Veröffentlichung der Armee-Dokumente zum jetzigen Zeitpunkt dem amtierenden schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki schaden sollte. «Diese Informationen belasten die Regierung, deren Amtszeit schon abgelaufen ist, und vor allem Al-Maliki», erklärt der kurdische Journalist Abdurrasak Ali. Die gesamte politische Entwicklung der vergangenen Jahre erscheine nach diesen Berichten von Folter und Mord in einem schlechten Licht.

Die nun publizierten Protokolle belegen, dass auch Al-Maliki unterstellte Einheiten an Misshandlungen beteiligt waren und dass ihre Opfer vor allem Sunniten waren. Für Al-Maliki, der in diesen Tagen nach Unterstützung für eine zweite Amtszeit sucht - in Bagdad, Washington, Teheran, Damaskus und Ankara - kommt der Wikileaks- Wirbel deshalb zur Unzeit.

Ein Mitglied von Al-Malikis Rechtsstaat-Partei bemühte sich deshalb um Schadensbegrenzung. Adnan al-Schahmani sagte der irakischen Nachrichtenagentur INA, in den von Wikileaks publizierten Dokumente würden viele Ereignisse verfälscht dargestellt. «Al-Maliki hat im Umgang mit Sicherheitsfragen nie darauf geschaut, wer welcher Religionsgruppe angehört.»

Konflikte / Internet / USA / Irak
24.10.2010 · 21:22 Uhr
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