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GIZ-Bildungsexperte: Auch Tunesier müssen umdenken

Paris (dpa) - Die sozialen Unruhen im nordafrikanischen Tunesien richten sich immer mehr gegen Staatsoberhaupt Zine el Abidine Ben Ali. Der aus Ravensburg stammende Bildungsexperte Martin Welte (62) hatte in den vergangenen elf Jahren für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ; früher GTZ) in dem Land gearbeitet und ist seit kurzem wieder in Deutschland. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa erläutert er die Hintergründe der Proteste und sagt, warum es auch ein Umdenken in der Bevölkerung geben muss.

Tunesien galt lange Zeit als Musterland in der Region, zumindest in Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung. Warum gibt es überhaupt so viele Arbeitslose und wieso kommt es zu den Protesten?

Welte: «Auslöser sind die arbeitslosen Jugendlichen, überwiegend Hochschulabgänger. Tunesien hat es wie viele andere Länder gut gemeint und sehr viel getan, um viele junge Leute an die Universitäten zu bringen. Die Zahl der Absolventen hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, derzeit sind es rund 100 000 pro Jahr.

Aber die Hälfte dieser jungen Leute findet nach dem Studium keinen passenden Job. Seit rund vier Jahren ist man zurückgerudert und will dafür sorgen, dass mehr junge Menschen eine berufliche Ausbildung machen als an die Uni zu gehen. Das ist vorgesehen, aber natürlich noch nicht realisiert. Die Regierung ist da auf dem richtigen Weg.»

Welche Änderungen sind notwendig, um das Problem zu lösen?

Welte: «Es ist nicht nur die Politik, es sind auch die Eltern der jungen Leute, die umdenken müssen. Derzeit ist es so, dass es für Eltern eine Katastrophe ist, wenn ihr Junge oder ihr Mädchen kein Abitur macht und nicht an die Universität geht. Etwas Praktisches ist nicht erwünscht. Das ist der Knackpunkt, der gelöst werden muss.»

Für Facharbeiter sind die Arbeitsmarktchancen besser?

Welte: «Für Facharbeiter würde es genügend Arbeitsplätze geben. Ein Beispiel: Es gibt eine Firma aus der Textilbranche auf der Halbinsel Cap Bon mit 5000 Beschäftigten. Da werden jeden Morgen mit Bussen aus einem Umkreis von 50 Kilometern die Näherinnen und Näher eingesammelt. Das reicht aber nicht, sie finden nicht genügend Fachleute, weil die Bildungspyramide total umgekehrt ist. Die Firmen suchen auf dem Facharbeiterniveau, auf dem Technikerniveau, sie bekommen aber nur Leute auf Uni-Niveau - und die haben dann eigentlich "zwei linke Hände", sind praktische Arbeit nicht gewohnt.»

Deutschland ist bei der Berufsausbildung Vorbild für viele Länder. Gab es in der Vergangenheit Unterstützung im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit?

Welte: «Wir haben Tunesien bei der Weiterentwicklung des Berufsbildungssystems seit 1990 in mehreren Projekten unterstützt. Dabei ging es vor allem auch um die Förderung der betrieblichen und unternehmensorientierten Ausbildung. Da wurde sehr erfolgreich gearbeitet. 1991 ging in Tunesien fast niemand während der Berufsausbildung in ein Unternehmen, heute durchlaufen 70 bis 80 Prozent der Jugendlichen auch einen praxisorientierten Blockunterricht in Unternehmen, ähnlich unseres Dualen Systems. Die Mehrheit von ihnen findet anschließend einen Arbeitsplatz.»

Links zum Thema
Informationen zu den abgeschlossenen GIZ-Projekten: http://dpaq.de/mof9H
und http://dpaq.de/JJBYz
Konflikte / Soziales / Tunesien
14.01.2011 · 23:15 Uhr
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