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Geteiltes Echo auf Kachelmann-Freispruch

Alice SchwarzerGroßansicht

Berlin (dpa) - Das Urteil im Kachelmann-Prozess ist gesprochen. Aber die Diskussion um den Fall ist nicht vorbei. Die Reaktionen auf den Freispruch des Wettermoderators könnten kaum unterschiedlicher sein.

Während die einen den Behörden sowie Medien ein vernichtendes Zeugnis ausstellten und Vorverurteilungen anprangerten, fürchteten andere, dass nach dem Freispruch noch weniger Frauen Vergewaltigungen anzeigen würden.

Wegen des Trubels um den Prozess und der Vorverurteilung der Nebenklägerin in Teilen der Öffentlichkeit würden sich Opfer sexueller Gewalt in Zukunft noch weniger trauen, Anzeige zu erheben, erklärte die Frauenrechtsorganisation Terres des Femmes.

Ähnlich sieht das der Opferschutzverein Weißer Ring. Dass ein Freispruch nach dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten» häufig «Im Zweifel gegen das Opfer» bedeute, sei vielen Juristen nicht bewusst, sagte Veit Schliemann vom Weißen Ring.

Der Freispruch löst nach Einschätzung des Bundesverbandes deutscher Frauennotrufe Unsicherheit bei Vergewaltigungsopfern aus. «Damit bestätigt sich die schlimmste Befürchtung von Frauen. Die Angst, dass man ihnen eine Vergewaltigung nicht glaubt», sagte Gudrun Wörsdörfer vom Frauennotruf in Frankfurt.

Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn zog nach dem Freispruch über das Gericht her. Er sprach von «Erbärmlichkeit im Gerichtssaal».

Der Regensburger Strafrechts-Professor Henning Ernst Mueller sprach von «viel Kritikwürdigem an dieser Verhandlung». Die Staatsanwaltschaft sei «zu weit» gegangen, indem sie viele Informationen an die Presse gegeben habe. «Hart an der Grenze des Erträglichen» sei auch gewesen, dass Zeuginnen von der Presse außerhalb der Hauptverhandlung Geld für Interviews angeboten wurde.

Die Juristin Monika Frommel, Direktorin des Instituts für Sanktionenrecht und Kriminologie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, fällte ein vernichtendes Urteil: «Wir haben einen schrecklichen amerikanisierten Medienprozess erlebt.» Der Freispruch für Jörg Kachelmann sei «zwingend, angesichts der schlechten objektiven Beweislage und angesichts der Aussage der Opferzeugin», sagte sie im Südwestrundfunk.

Medienanwalt Christian Schertz forderte, den Umgang der Justiz mit den Medien zu prüfen. In der SWR-Talkshow «2+Leif» sagte er laut einer Mitteilung des Senders: «Wir werden prüfen müssen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, wo der bloße Vorwurf eines Fehlverhaltens zu einer derartigen Vernichtung bereits vor dem Urteil führt.» Bei dem Prozess hätten eigentlich alle versagt.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) kritisierte die Medien. «Rechtsstaatliche Verfahren drohen ausgehebelt zu werden, wenn die Beweisaufnahme vom Gerichtssaal in Talkshows verlagert wird», sagte sie der «Passauer Neuen Presse» (Mittwoch). «Die Unschuldsvermutung ist in Gefahr, wenn Medien ihr Urteil fällen, lange bevor Richter gesprochen haben.»

Der Anwalt der Ex-Geliebten und Nebenklägerin sprach von einem «Freispruch dritter Klasse». In der Urteilsbegründung habe das Gericht klar gemacht, dass es «weder von der Unschuld von Herrn Kachelmann, noch von einer Falschaussage meiner Mandantin überzeugt» sei, sagte Thomas Franz der Illustrierten «Bunte».

Frauenrechtlerin Alice Schwarzer stellte sich weiter an die Seite der Nebenklägerin. «Man muss auch Respekt vor dem möglichen Opfer haben», sagte Schwarzer, die für die «Bild»-Zeitung den Prozess begleitet und für die Ex-Geliebte Partei ergriffen hatte.

Das brachte ihr weiter die Kritik von Journalistenkollegen ein. Hans Leyendecker von der «Süddeutschen Zeitung» sagte, mit ihrer Berichterstattung habe Schwarzer jegliches journalistisches Renommee verloren. «Die war ja nicht Berichterstatterin, sondern die hat sich selbst zum Mittelpunkt gemacht», kritisierte er im Deutschlandfunk.

Prozesse / Kriminalität / Medien / Urteile / Reaktionen
31.05.2011 · 20:46 Uhr
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