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Gericht sichtet neue Beweise im El-Sherbini-Prozess

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Dresden (dpa) - Das lange erwartete Schreiben der russischen Generalstaatsanwaltschaft platzte mitten in die Plädoyers: Die Antwort auf ein Rechtshilfe-Ersuchen zum Grund für die Ausmusterung des mutmaßlichen Mörders der Ägypterin Marwa El-Sherbini kann den Prozess gegen Alex W. im Dresdner Landgericht verzögern.

«Wir treten noch mal in die Beweisaufnahme ein», sagte die Vorsitzende Richterin der Schwurgerichtskammer, Birgit Wiegand, am Montag vor dem Schlussvortrag des Pflichtverteidigers.

In dem zunächst nur grob übersetzten Schreiben ist von einer psychischen Erkrankung die Rede. Am Dienstag soll nun noch einmal der Sachverständige gehört werden, der Alex W. als voll schuldfähig bezeichnet hatte. Ob das Urteil noch wie geplant an diesem Mittwoch gesprochen werde, sei offen, sagte Wiegand der Deutschen Presse- Agentur dpa. Staatsanwalt und Nebenklage-Anwälte hatten zuvor für die Höchststrafe plädiert.

Staatsanwalt sieht besondere Schwere der Schuld

Der arbeitslose Spätaussiedler Alex W. muss sich wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in dem Gericht verantworten, in dem er laut Anklage am 1. Juli die 31-jährige Zeugin mit zahlreichen Messerstichen getötet hat. Die Staatsanwaltschaft verlangte die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, was eine Freilassung nach 15 Jahren erheblich erschweren würde.

Alex W. habe bei der Berufungsverhandlung wegen Beleidigung vor den Augen des dreijährigen Sohnes «überlegt und eiskalt wie ein Killer» dessen schwangere Mutter «niedergemetzelt» und den Vater lebensgefährlich verletzt, sagte Oberstaatsanwalt Frank Heinrich. Aus Fremdenhass habe er von Anfang an kaltblütig geplant, beide zu töten.

Unbarmherzig und gefühllos aus Fremdenhass

Alex W. war bis auf Gespräche mit seinem Pflichtverteidiger kaum eine Regung anzumerken. Er hatte die Kapuze seines Sweatshirts noch tiefer als sonst ins Gesicht gezogen. Die Staatsanwaltschaft sieht die Mordmerkmale Heimtücke und niedere Beweggründe erfüllt. Das Motiv sei «bloßer Hass auf Nicht-Europäer und Moslems». Alex W. habe «mit aller Kraft, ruhig und konzentriert, aber schnell», unbarmherzig und gefühllos auf die Frau und ihren Mann eingestochen, der nur durch viel Glück überlebt habe.

Die vor Gericht verlesene Erklärung, in der der 28-Jährige von ungerechter Behandlung der Justiz und einem «komischen Zustand» gesprochen habe, sei kein Geständnis, erklärte Heinrich. Er habe auch im Prozess keinerlei Einsicht gezeigt, die Tat tue ihm nur wegen der erheblichen Folgen für sich selbst leid. Die gegenüber den Opfern bisher ausgebliebene Entschuldigung zeige, dass ihm nicht bewusst sei, was er angerichtet habe. Eine Tat im Affekt sei ausgeschlossen, sagte Heinrich.

Anwälte der Familie fordern Höchststrafe

Die Anwälte der Familie der Getöteten verlangten die nach deutschem Recht geltende Höchststrafe für Alex W. Zudem müsse Jeder zur Verantwortung gezogen werden, «der dem Mörder geholfen hat, mit der Waffe ins Gericht zu gehen», sagte der Ägypter Khaled Abou Bakr Othman. Er und der Vorsitzende der ägyptischen Rechtsanwaltskammer, Hamdi Kalifa, kritisierten die fehlenden Sicherheitsvorkehrungen und mangelnde Hilfe für die Opfer. Nach einer Anzeige des Witwers wird gegen den Bundespolizisten ermittelt, der im Handgemenge irrtümlich auf den Ehemann von Marwa El-Sherbini geschossen und diesen verletzt hatte.

Dokument verweist auf «nichtdifferenzierte Schizophrenie»

Das Rechtshilfeersuchen an die russischen Militärbehörden war im Vorfeld des Prozesses ergangen, um zu klären, ob der Angeklagte wegen einer psychischen Erkrankung von der Armee befreit worden war. Laut dem zunächst nur grob übersetzten Dokument wurde ein - wie der Angeklagte - am 12. November 1980 geborener Alexander Igorewitsch Nelzin am 1. Juli 2000 wegen «nichtdifferenzierter Schizophrenie» vom Wehrdienst zurück- und für ein Jahr unter Beobachtung gestellt, teilte Richterin Wiegand mit. 2004 war Alex W., der 2003 nach Deutschland ausgesiedelt war, dann endgültig ausgemustert worden.

Das Schreiben soll von einem medizinisch versierten Dolmetscher übersetzt werden. Am Dienstag werde dazu der Sachverständige gehört, der Alex W. als voll schuldfähig bezeichnet hatte, sagte Richterin Wiegand. «Es kann sein, dass noch mehr Schritte notwendig sind.» Sie appellierte an Alex W., selbst Auskunft zu geben, wenn er die Tat unter einem schizophrenen Schub begangen haben wolle.

Prozesse / Kriminalität
09.11.2009 · 19:23 Uhr
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