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Geheimakten: Afghanistan-Krieg immer gefährlicher

Geheime US-AktenGroßansicht

Berlin/Neu Delhi (dpa) - Der Krieg gegen die radikal-islamischen Taliban in Afghanistan verläuft schmutziger und gefährlicher als bislang bekannt.

Wie aus der Veröffentlichung von über 90 000 - überwiegend geheimen - US-Militärdokumenten im Internet hervorgeht, ist die Zahl der zivilen Opfer höher als angenommen. Und im Einsatzgebiet der Bundeswehr ist die Sicherheitslage offenkundig schlechter als von der Bundesregierung eingeräumt.

Außerdem zeigen die Enthüllungen der Internetplattform Wikileaks, dass US-Militärs über Jahre von einer direkten Kooperation des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI mit den Taliban ausgingen. Zudem sind die afghanischen Verbündeten teils unzuverlässig, teils korrupt, teils terrorisieren sie die eigene Bevölkerung.

In den vergangenen Jahren seien «Realitäten weich gezeichnet worden», sagte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in einem Interview des Fernsehsenders Phoenix. Das Bundesverteidigungsministerium gab sich Mühe, der Veröffentlichung der Geheimdokumente keine allzu große Bedeutung beizumessen. Zwar handele es sich um einen «äußerst bemerkenswerten Vorgang», sagte der stellvertretende Sprecher Christian Dienst in einer ersten Reaktion. Die Dokumente enthielten nach jetzigem Stand aber «nichts Neues im Sinne des Nachrichtenwerts». Deswegen würden sie auch in Ruhe im normalen Dienstbetrieb analysiert: «Es werden hier keine Sonderschichten gefahren, es wird hier niemand aus dem Urlaub zurückgeholt.»

Die Dokumente der am Hindukusch kämpfenden US-Truppen wurden von der Enthüllungs-Website Wikileaks in der Nacht veröffentlicht. In den Akten «scheinen Beweise von Kriegsverbrechen zu sein», sagte Wikileaks-Gründer Julian Assange vor Reportern in London - nannte aber keine Belege. Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» sowie die Zeitungen «New York Times» und «Guardian» aus London analysierten jeweils für sich die gewaltige Datenmenge. Es sind größtenteils Meldungen der Truppen aus dem Feld. Viele Berichte konnten nicht verifiziert werden, doch halten die Militärs viele ihrer Quellen - darunter afghanische Informanten und Sicherheitskräfte - für glaubwürdig.

Laut «Guardian» sind Hunderte afghanischer Zivilisten bei bislang nicht bekannten Aktionen der internationalen Truppen ums Leben gekommen. In den Dokumenten sind 144 Zwischenfälle mit 195 zivilen Todesopfern aufgelistet. Im Einsatzgebiet der deutschen Truppen im Norden Afghanistans habe die Zahl der Kampfhandlungen ebenso stark zugenommen wie die Zahl der Anschläge, schreibt der «Spiegel»: Zwischen 2007 und 2009 hat sich die Zahl der «eindeutigen Anschläge» auf die Bundeswehr von 21 auf 77 fast vervierfacht. Auch der Einsatz von Spezialeinheiten der US-Streitkräfte helfe nur bedingt.

Die geheim operierende US-Einheit «Task Force 373» hat den Auftrag, Taliban-Führer gefangen zu nehmen oder zu töten. Seit Sommer 2009 sind laut «Spiegel» 300 Mann der Truppe in Masar-i-Scharif auf dem Gelände des deutschen Feldlagers Camp Marmal stationiert und führen von dort aus gezielte Tötungsaktionen durch. Der «Spiegel» schreibt weiter, dass es in den Dokumenten keine Hinweise auf weitere, bislang nicht bekannte Übergriffe deutscher Soldaten auf die Zivilbevölkerung gebe. Allerdings lasse sich aus den Unterlagen schließen, dass deutsche Truppen unvorbereitet in den Krieg gezogen seien.

Weiter enthalten die Dokumente zahlreiche Hinweise darauf, dass der pakistanische Geheimdienst ISI die Extremisten in Afghanistan unterstützt. Eine direkte Verbindung zum Terrornetzwerk Al-Kaida könne dabei nicht nachgewiesen werden. Aber vor allem in Berichten aus den Jahren 2004 bis 2007 werde deutlich, dass der ISI den Taliban half und Kämpfern in Pakistan Unterschlupf gewährt habe. Ein Sprecher des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai kritisierte Pakistan: «Wir haben unseren internatonalen Partnern immer gesagt, dass wir in Afghanistan keinen Erfolg haben werden, (...) wenn wir die Orte vernachlässigen, an denen die Terroristen genährt werden und wo sie Zuflucht finden.»

Die pakistanische Regierung wies die Vorwürfe zurück. Pakistan, Afghanistan und die USA seien strategische Partner im Kampf gegen Taliban und Al-Kaida, sagte Pakistans Botschafter in Washington, Husain Haqqani, pakistanischen Medien.

Die drei Blätter glichen nach eigenen Angaben die aus den Jahren 2004 bis 2009 stammenden Informationen mit den offiziellen Darstellungen der Lage in Afghanistan ab. In den genau 91 713 Dokumenten Unterlagen seien keine Widersprüche zur offiziellen Darstellung festgestellt worden, das US-Militär habe jedoch in Erklärungen Sachverhalte immer wieder «verharmlost», schreibt die «New York Times».

Das Bundesverteidigungsministerium warnte, die Veröffentlichung der Militärdokumente könne die nationale Sicherheit der USA und der internationalen Truppen beeinträchtigen. Im Ministerium werde derzeit geprüft, ob deutsche Sicherheitsinteressen beeinträchtigt würden. Außenminister Guido Westerwelle forderte eine Prüfung: «Das muss jetzt alles natürlich auch ausgewertet werden, was es hier auch möglicherweise an neuen Erkenntnissen gibt.»

Die Unterlagen waren zunächst der Internetplattform Wikileaks zugespielt worden. Wikileaks sammelt geheime offizielle Dokumente aus anonymen Quellen, um Missstände öffentlich zu machen. Der nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama, James Jones, reagierte empört. «Die USA verurteilen aufs Schärfste die Veröffentlichung von Geheiminformationen durch Einzelne oder Organisationen, durch die das Leben von Amerikanern und deren Verbündeten gefährdet und die nationale Sicherheit bedroht wird.»

Wikileaks

Spiegel Online

The New York Times

Guardian

Konflikte / Afghanistan
26.07.2010 · 17:51 Uhr
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