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Gefahr und Risiko - So sicher ist Deutschland

Fühlen Sie sich sicher? «Kommt drauf an», würden die meisten antworten. Denn Sicherheit ist nicht nur relativ, sondern eine geradezu philosophische Frage. Wer seinen Stadtteil mit Drogenabhängigen und Kleinkriminellen teilt, muss nicht zwingend mit einem Gefühl von Unsicherheit leben, und viele Bewohner der Villenviertel fühlen sich selbst hinter ihren hohen Zäunen und Überwachungskameras nicht sicher.

Im Gegenteil. Es besteht bei Soziologen sogar die These, dass das Bedürfnis mit steigender Sicherheit weiter wächst. Harald Arnold will das nicht von der Hand weisen. Der Psychologe forscht am Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht und arbeitet mit Kollegen zum Beispiel vom Fraunhofer-Institut, dem BKA oder der Katastrophenforschungsstelle Berlin an einem Barometer zur Sicherheit in Deutschland. Ein ambitioniertes Projekt, das bis 2013 die vielschichtigen Aspekte von Sicherheit zusammenfassen will.

Arnold erklärt uns, dass objektive und subjektive Sicherheit bis zu einem gewissen Grad unabhängig voneinander funktionieren. «Mit Zunahme der Sicherheit werden wir für kleinere Unsicherheiten sensibler. Obwohl wir sicherer werden, nimmt unser Bedürfnis danach nicht unbedingt ab», sagt er.

«Uns verbindet das Risiko, das Leben zu verlieren»

Jeder Mensch ist sein eigenes kleines Sicherheitszentrum. Wir managen den Umgang mit reellen Gefahren wie Naturkatastrophen und Risiken, die wir selbst uns auferlegen, und basteln uns so ein Spannungsfeld. Wer nicht in einer Erdbebenregion lebt, einen sicheren Job hat und gesund ist, kompensiere das vielleicht mit einem Hauch Todesangst beim Freeclimbing, erklärt Harald Arnold das Prinzip.

«Uns verbindet das Risiko, das Leben zu verlieren. Dieses Wissen steckt in unserer Psyche und gibt uns eine Grundunsicherheit. Um das Leben zu managen, dürfen wir nicht in die Knie gehen.» Viele Menschen brauchen die Prise Unsicherheit, um das Leben zu spüren. Doch welche Dosis wo und wann angemessen ist, lässt sich nicht verallgemeinern.

Krokodil und Kreditkarte manipulieren Frankfurts Sicherheits-Statistik

Derart unsichere Prognosen bei einem so knallharten Thema wie Sicherheit stellen den zielführend denkenden Menschen jedoch nicht zufrieden. Daher versucht er doch, Sicherheit zu messen, und kürt zum Beispiel die sicherste und - spannender - unsicherste Stadt Deutschlands mithilfe des BKA-Kriminalitätsindex'. Dort werden die jährlichen Straftaten erfasst und auf 100.000 Einwohner umgelegt.

Seit Jahren sagt uns der Index, Frankfurt sei die unsicherste Stadt Deutschlands. Fast 16.000 Delikte pro 100.000 Einwohner zählte sie 2010, in Fürth, das die Skala von der sicheren Seite her anführt, sind es nur knapp 6000. Warum bekommt Frankfurt das Thema Sicherheit einfach nicht in den Griff? Sicherheitsdezernent Markus Frank ist für diese Frage gewappnet und kontert prompt mit Krokodil und Kredikkarte.

«Wir sind natürlich stolz, dass wir einen Weltflughafen haben. Aber wenn der Zoll sie dort mit einem Krokodil in der Handtasche erwischt, gilt das als Straftat in Frankfurt am Main. Und wenn Ihnen als Kunde der Commerzbank oder einer der anderen 300 Banken die EC-Karte geklaut wird, wird die Straftat dort gelistet, wo die Bank ihren Sitz hat, also in Frankfurt. Dabei hat hier auf der Straße weder das Krokodil noch der EC-Karten-Diebstahl irgendeine Relevanz.»

Lesen Sie hier, wie deutsche Städte für Sicherheit sorgen

Da das BKA nicht gewillt sei, seine Kriterien zu ändern, hat Markus Franks Dezernat die fremden Verbrechen selbst herausgerechnet. Im hinteren Mittelfeld läge seine Stadt dann, sagt der CDU-Politiker. Frankfurts dunkle Ecken leugnet er nicht, doch geht die Stadt sehr offensiv mit dem Thema Sicherheit um. Auf der Webseite rühmt sich sich damit, als einzige Stadt rund um die Uhr eine Task Force im Einsatz zu haben.

Das war trotz Krokodil und EC-Karte nötig, denn als Franks Vorgänger im Dezernat für Sicherheit 1995 die Bürger fragte, ob sie Angst vor einer Straftat hätten, sagten 56 Prozent «Ja». Daraufhin schickte das LKA zusätzliche Polizisten und es wurde ein freiwilliger Patrouillendienst eingeführt, eine eigene Stadtpolizei gegründet mit zusätzlichen 220 Beamten, die sich um kleinere Ordnungswidrigkeiten und Sauberkeit kümmern. Offensichtlich mit Erfolg: 2011 sagten nur noch 14 Prozent der Frankfurter, sie hätten Angst.

Sicherheit ist subjektiv

Sicherheitspolitik ist immer der Versuch, der subjektiven Wahrnehmung der Bürger mit objektiv sinnvollen Maßnahmen zu begegnen. «Die Ansatzpunkte sind so umfassend wie die Problemlage», sagt Holger Floeting, der sich am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) mit der Sicherheitsfrage auseinandersetzt. Dazu gehören auf der einen Seite soziale Infrastrukturen, zum Beispiel durch Quartiersmanagement, auf der anderen Seite die Präsenz von Ordnungshütern.

Durch die Automatisierung zum Beispiel von Bahnhöfen fehlen zunehmend Ansprechpartner, die das subjektive Sicherheitsgefühl stärkten. «Das muss man sich zurückkaufen», erklärt Floeting, indem man gezielt Sicherheitspersonal einsetze. «Das ist aber auch ambivalent, denn wenn viele patrouillieren, fühlen sich manche Menschen wiederum unsicher.» Oder in ihrer Freiheit bedrängt, wie Psychologe Harald Arnold anführt.

In Fürth darf es keine offene Drogenszene und keine Graffiti geben

Videoüberwachung, die als Grenze zwischen Sicherheit und Freiheit hart umkämpft wird - zuletzt erst wieder in Hamburgs Stadtteil St. Pauli - spiele dabei gar nicht so eine große Rolle, sagt Floeting. «Sie ist temporär begrenzt und wird nur an Kriminalitätsschwerpunkten eingesetzt, wenn akut Handlungsbedarf besteht», sagt er.

Im sicheren Fürth zum Beispiel gibt es derzeit keinerlei Videoüberwachung, wie Rechtsreferent Christoph Mayer beteuert. Seine Stadt hat Ende der 1990er Jahre gelernt, dass sich mit dem Thema Sicherheit Wahlen verlieren lassen. Damals musste die SPD abdanken, die CSU übernahm das Ruder. «Es existieren hier keine rechtsfreien Räume, keine offene Drogenszene, kein Dealen und Herumhängen im öffentlichen Raum. Das gibt es, aber es findet nicht in der Öffentlichkeit statt», sagt Christoph Mayer, Referent für Recht und CSU-Politiker in der inzwischen wieder SPD-geführten Stadt.

Zeit des Lieb und Nett ist vorbei

Durch Überwachungsdruck werden Abhängige und Kleinkriminelle aus dem Stadtbild verdrängt. Dabei hilft auch ein kommunaler Vollzugsdienst, der sich um freilaufende Hunde, Alkoholiker auf Spielplätzen und Fahrradfahrer in Fußgängerzonen kümmert. «Wehret den Anfängen» heißt dabei das Fürthsche Prinzip, bei der Sauberkeit fängt es an: «Graffitis sind der erste Schritt zur Verwahrlosung und führen im Regelfall zu steigender Kriminalität», sagt Mayer. Deshalb hat die Stadt eine eigene Graffiti-Einheit, die jede Sprayerei in spätestens 48 Stunden beseitigt und das Delikt zur Anzeige bringt. Die Zeit des Lieb und Nett sei vorbei, das habe inzwischen auch die SPD eingesehen.

Die Wissenschaftler Holger Floeting und Harald Arnold sind sich einig, dass sich die Sensibilität für Sicherheitsfragen erhöht hat, obwohl die Zahl der Straftaten den Statistiken zufolge in etwa gleich bleibt. «Die Störungstoleranz sinkt, wir stellen eine Entsolidarisierung fest», sagt Floeting. Er und seine Kollegen setzen deshalb auf individuelle Lösungen für jede Stadt, die Ämter für Ordnung, Soziales, Schule und Wohnen müssen zusammenarbeiten. Übertragbare Patentrezepte gibt es nicht, das Fürther Modell ließe sich ganz sicher nicht auf St. Pauli übertragen.

Und das Sicherheitsbarometer? Das ist noch in Arbeit, sagt Harald Arnold. Es ist ein ambitioniertes Projekt, so viele verschiedene Aspekte unter einen Hut zu bekommen, gibt er selbst zu. Er sieht es als Beginn einer langfristigen Studie, mit Hilfe derer wir in zehn Jahren sagen können: Wie sicher war es denn 2012 in Deutschland?

[news.de] · 07.02.2012 · 10:00 Uhr
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