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Gedenken im Stadion: «Trauer will man teilen»

Trauerfeier nach LoveparadeGroßansicht

Berlin (dpa) - Zur Trauerfeier nach dem Selbstmord von Hannovers Torhüter Robert Enke mit dem aufgebahrten Sarg im Mittelkreis strömte eine riesige Menschenmenge.

Knapp 40 000 Menschen gedachten im vergangenen November in der AWD-Arena des beliebten Fußballers von Hannover 96, der sich nach schweren Depressionen das Leben genommen hatte. Am Samstag werden bis zu 25 000 Menschen im Duisburger Fußballstadion und tausende weitere in den Kirchen der Stadt erwartet. Sie wollen dort die Trauerfeier für die 21 Toten der Loveparade in der Duisburger Salvatorkirche per Live-Übertragung verfolgen.

Auch bei früheren Katastrophen gab es Trauerfeiern - aber noch nie eine so große: Gemeinsam mit den Angehörigen der Opfer gedachten ranghohe Politiker der Opfer etwa von Ramstein (51 Tote), Eschede (100 Tote) oder von Bad Reichenhall (18 Tote). Doch es blieb bei einem relativ überschaubaren Kreis von maximal 2000 Trauernden. Wer darüber hinaus Anteil nehmen wollte, war ein Zaungast am Fernseher im heimischen Wohnzimmer.

«Früher wurde Trauer mit Trauerbeflaggung und Gedenkgottesdiensten offiziell organisiert - nun haben die Menschen per Internet mit Facebook und ähnlichen Diensten die Möglichkeit, sich selbst zu organisieren», erklärt der Berliner Medienpsychologe Jo Groebel das Aufkommen dieser Massen-Trauerveranstaltungen. Er sieht die gemeinsame öffentliche Trauerfeier auch als ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern. «Solange sich niemand zu seiner Verantwortung für die Katastrophe bekennt, wollen die Menschen den Opfern und ihren Angehörigen zeigen: Wir stehen hinter Euch», sagte Groebel der Nachrichtenagentur dpa.

Kritische Stimmen wie im Fall Enke sind daher zu der Duisburger Massentrauer nicht zu erwarten. Ist es angemessen, eines schwer kranken Selbstmörders ausgerechnet in seinem Heimatstadion zu gedenken? Wurde damit Enke zu einem Märtyrer des harten Geschäfts um den Profi-Fußball stilisiert? «Verklärung am Mittelkreis» nannte dies die «Berliner Zeitung», «Kult um einen Selbstmörder» titelte knapp und deutlich die «Weltwoche».

Im Fall von Duisburg hat die öffentliche Trauerfeier im Stadion einen gänzlich anderen Untertitel: Es ist auch eine Demonstration gegen alle Verantwortlichen, die bislang die Schuld für die Katastrophe bei der Loveparade hin- und herschieben: allen voran die Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) an der Spitze und Loveparade-Chef Rainer Schaller. Beide wollen nicht an der Gedenk-Veranstaltung teilnehmen. Sie wollten die Gefühle der Angehörigen der Opfer nicht verletzen, erklärten sie.

Insgesamt sieht Groebel die öffentlichen Trauerfeiern als Zeichen eines neuen Umgangs mit Gefühlen. «Früher wurden Gefühle, vor allem Trauer, im Privaten gelebt - inzwischen zeigt man das sehr gerne öffentlich.» Die Dresdner Kommunikationswissenschaftlerin Katrin Döveling sah nach der Feier für Enke eine Art kollektiver Katharsis, eine seelische «Reinigung» der Massen: «Trauer will man teilen», lautete ihre einfache Erklärung. Da der Mensch ein soziales Wesen sei, wolle er in schwierigen Situationen wenigstens die Erleichterung spüren, dass er mit seinen Gefühlen nicht alleine ist.

Duisburg trauert

Notfälle / Loveparade
31.07.2010 · 14:44 Uhr
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