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Gedenken an Neonazi-Opfer: Merkel bittet um Verzeihung

Kerzen bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt: Mit einer Schweigeminute ist in der Hauptstadt und zahlreichen anderen deutschen Städten der Opfer NSU-Mordserie gedacht worden. Foto: Michael Großansicht

Berlin (dpa) - Deutschland verbeugt sich vor den Opfern des braunen Terrors: Mit einer bewegenden Trauerfeier in Berlin und Gedenkveranstaltungen im ganzen Land haben Politik und Bevölkerung der Opfer der rechtsextremistischen Mordserie gedacht. Kanzlerin Angela Merkel bat die Angehörigen um Entschuldigung, weil Ermittler sie zum Teil über Jahre zu Unrecht der Verbrechen verdächtigten.

Merkel versprach eine umfassende Aufklärung der Taten und einen entschlossenen Kampf gegen Extremismus und Gewalt. An dem Gedenken gut drei Monate nach Aufdeckung der Mordserie an zehn Menschen beteiligten sich viele Bürger und Firmen mit Schweigeminuten.

Es sei besonders beklemmend, dass die Familien der Opfer zu Unrecht von den Sicherheitsbehörden ins Visier genommen worden seien: «Dafür bitte ich Sie um Verzeihung», sagte Merkel vor den 1200 Gästen des zentralen Gedenkakts für die neun Kleinunternehmer türkischer und griechischer Herkunft und die deutsche Polizistin, die zwischen 2000 bis 2007 ermordet worden waren.

«Diese Jahre müssen für Sie ein Alptraum gewesen sein», erklärte Merkel. Man könne nur ahnen, wie sehr die Ungewissheit die Familien belastet habe. «Sie stehen nicht länger allein mit ihrer Trauer, wir fühlen mit Ihnen, wir trauern mit Ihnen», sagte sie an die Adresse der über 80 anwesenden Hinterbliebenen. Die Ermittler waren bei der Mordserie in einigen Fällen zunächst unter anderem von Straftaten im kriminellen Milieu ausgegangen und hatten auch Angehörige verdächtigt, darin verstrickt zu sein.

Die Verbrechensserie der Terrorzelle nannte die Kanzlerin «einen Anschlag auf unser Land». Die Bürger rief sie zu mehr Wachsamkeit gegenüber Rechtsextremismus auf: Intoleranz und Rassismus zeigten sich keinesfalls erst in Gewalt. «Aus Worten können Taten werden», mahnte Merkel. Der Kampf gegen Vorurteile, Verachtung und Ausgrenzung müsse täglich neu aufgenommen werden. Oft stehe Gleichgültigkeit am Anfang eines Prozesses einer «schleichenden Verrohung des Geistes».

Die Kanzlerin versprach ein entschlossenes Eintreten des Staates gegen Rechtsextremismus und Gewalt. «Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen.» Überall wo an den Grundfesten der Menschlichkeit gerüttelt werde, sei Toleranz fehl am Platz. Es müsse nach den Ursachen geforscht werden. «Es ist ein schlimmer Zustand erreicht, wenn Neonazis junge Menschen mit Kameradschaftsabenden einfangen können, weil sich niemand sonst um sie kümmert.»

Auch zwei Töchter von Ermordeten kamen zu Wort. «Ich habe meinen Vater verloren. Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert», sagte Semiya ?im?ek. Auf ihren Vater war am 9. September 2000 geschossen worden, der Blumenhändler starb später im Krankenhaus. Seine Tochter erinnerte an die Belastung, lange mit dem falschen Verdacht leben zu müssen. «Elf Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein.»

?im?ek sagte, es sei für die Hinterbliebenen keine Lösung, Deutschland zu verlassen: «In meinem Land muss sich jeder frei entfalten können», unabhängig von Nationalität, Religion, Hautfarbe oder Geschlecht. Sie mahnte: «Lasst uns nicht die Augen verschließen und so tun, als hätten wir dieses Ziel schon erreicht.»

Gamze Kuba??k, deren Vater 2006 in Dortmund erschossen worden war, sprach von der Hoffnung «auf eine Zukunft, die von mehr Zusammenhalt geprägt ist». Dies sollte eine Kerze symbolisieren, die beide jungen Frauen zum Abschluss unter Beifall aus dem Saal trugen. Mit emotionalen Worten wandte sich auch der Vater des 2006 ermordeten Halit Yozgat an die Anwesenden. «Unser erster Wunsch ist, dass die Mörder gefasst werden, dass die Helfershelfer und Hintermänner aufgedeckt werden», forderte Ismail Yozgat.

Sein persönlicher Wunsch sei, dass die Straße in Kassel-Baunatal, in der sein Sohn in seinem Internetcafé erschossen worden war, in Halit-Straße umbenannt werde. Ausdrücklich dankte Yozgat dem vor einer Woche zurückgetretenen Staatsoberhaupt Christian Wulff, von dem die Initiative für die Veranstaltung ausgegangen war. Ursprünglich sollte Wulff dort auch sprechen.

Eingeladen zu der Feier waren Schulklassen und Sportvereine, die sich im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit engagieren. Vertreten war neben der gesamten politischen Führung eine Delegation des türkischen Parlaments. Zu den Gästen gehörte auchder wahrscheinlich nächste Bundespräsident Joachim Gauck.

Viele Betriebe und Behörden folgten einem Aufruf der Gewerkschaften und der Arbeitgeber. Auch zahlreiche Schulen im ganzen Land beteiligten sich an den Schweigeminuten. In Berlin stoppten um 12.00 Uhr Busse und Bahnen an Haltestellen. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) unterbrach seine Programme für eine Minute. Auch in Fabriken wie im Porsche-Werk in Stuttgart-Zuffenhausen und bei Daimler in Sindelfingen standen die Bänder still. Bei Bundesbehörden und in vielen Ländern war Trauerbeflaggung angeordnet.

Extremismus / Kriminalität
23.02.2012 · 22:15 Uhr
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