In der Zeit ist vor kurzem ein Artikel online erschienen, der ein wenig die gleiche Saite anschlägt, wie es vor kurzem Paul-Josef Raue tat, der Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, als er Google und Facebook als Feinde der Demokratie bezeichnete.
Es gibt einige Gedanken in dem Zeit-Artikel “Vier Sheriffs zensieren die Welt“, an denen man sich reiben kann. Das möchte ich gerne tun, und einzelne Aspekte diskutieren.
Götz Hamann und Marcus Rohwetter schreiben, dass Apple die politische Meinungsäußerung unterdrücke, und wie lange das wohl noch so gehen werde. Als Beispiel dafür muss eine App von Frederic Jacobs namens Angry Syrians herhalten. Diese kritisiert in Comic-Optik das Regime von Präsident Baschar al-Assad und sei abgelehnt worden.
An diesem Punkt liegt meines Erachtens ein grundsätzliches Missverstehen seitens der beiden Autoren und vieler Internetnutzer vor. Der App Store – egal ob von Apple oder anderen Herstellern – ist ein virtuelles Geschäft und keine Plattform zur politischen Meinungsäußerung. Davon gibt es viele, der App Store ist keine. Woher kommt überhaupt die Annahme, dass ein Geschäft alle Waren aufnehmen muss, die es auf der Welt gibt? Wenn man diesen Maßstab an den App Store ansetzt, dann müsste man Einzelhändlern vorschreiben, dass sie Produkte aus Entwicklungsländern “zwingend” neben ihrem Sortiment von Coca Cola oder Pepsi unterbringen, weil sie sonst politische Zensur ausüben? Oder unfairen Wettbewerb betreiben? Ist das so?
Nun könnte man argumentieren, einem virtuellen App Store geht nie der Platz aus. Das ist richtig, doch das macht aus ihm trotzdem keine Plattform zur politischen Meinungsäußerung; Apple muss sich in erster Linie um sein Geschäft kümmern. Es nutzt dem Hersteller aus Cupertino herzlich wenig, wenn es jede App mit blankem Busen und politischer Meinungsäußerung freischaltet, dann aber am nächsten Tag mit tausenden Lobbyisten auf der ganzen Welt zu kämpfen hat. Bürgerrechtler, Frauenrechtler, Umweltschützer, Tierschützer, Botschaften, Medienvertreter, usw. usf. Wenn mein eigenes Geschäft darin besteht, Waren anzubieten und zu verkaufen, und ich mich ständig damit auseinandersetzen müsste, Meinungen von anderen zu rechtfertigen, ja dann kann ich mein Geschäft irgendwann schließen, weil ich nicht mehr genügend Zeit haben werde, mich um diese Aufgabe zu kümmern.
Wenn das für Hamann und Rohwetter politische Zensur ist, dann wünsche ich ab morgen jeden Tag einen neuen Bericht von den beiden Herren über die politische Zensur von Aldi, Lidl, Media Markt, Saturn, GameStop, Thalia, H&M, S. Oliver, C&A, usw. usf., die ja wie selbstverständlich nicht alle Produkte in ihr Sortiment aufnehmen.
Drehen wir den Spieß aber doch mal um: Warum wird Apple ein Strick draus gemacht, wenn die Firma entscheidet, eine App nicht ins Sortiment aufzunehmen, dem Urheber aber nicht, wenn er nun beispielsweise Produkte “exklusiv” vermarktet und anbietet? Was wäre wenn Frederic Jacobs seine App nur für iOS hätte anbieten wollen und nie auch für Android? Der Grund, warum Jacobs die App anbietet, egal ob kostenlos oder gegen Geld, ist der Markt, ist die Möglichkeit, möglichst viele potentielle Kunden/Leser zu erreichen. Als Urheber legt er also unternehmerisches Kalkül seinen Entscheidungen zur Veröffentlichung zugrunde. Warum darf das der App-Store-Betreiber nicht?
Hamann und Rohwetter glänzen bei ihrer Beschreibung von Amazons Entscheidung ein Buch aus dem Sortiment zu nehmen, mit dergleichen Argumentation wie zuvor. Ein Buch ist ein Buch. Jedenfalls in einem Buchladen. Denn auch ein Buchladen ist keine Plattform zur politischen Meinungsäußerung, sondern ein Geschäft.
Amazon ist zwar weltweit der größte Online-Shop, doch er ist nicht der einzige. Nur weil Amazon das Buch nicht anbietet, ist das Buch nicht gleich aus der Welt. Amazon verbietet das Buch nicht, sondern bietet es nur nicht selbst an. Jemandem vorschreiben zu wollen, wie er sein Geschäft führt, finde ich relativ anmaßend. Wenn man die Entscheidung Amazons nicht mag, soll man dort in Zukunft eben nicht mehr einkaufen. Das wäre in meinen Augen die richtige Entscheidung. Sich aber in die Unternehmenspolitik einmischen zu wollen, und von Amazon zu fordern, sie müssten dieses und jenes Buch aber doch anbieten ist absurd. Vor allem: Wenn man einmal damit anfängt, dann will am Ende jeder das gleiche Recht für sich in Anspruch nehmen, und dann kann Amazon sein Geschäft nicht mehr selbst bestimmen.
Wenn es den beiden Autoren noch verborgen geblieben ist, obwohl sie es explizit selbst formuliert haben – die vier kritisierten Unternehmen stammen aus “Amerika”, und natürlich vertreten sie deshalb gewollt oder ungewollt eher amerikanische Moral- und Wertvorstellungen. Gewalt ist in den USA ein weniger sensibles Thema als beispielsweise Erotik, in Europa ist es meistens umgekehrt. Besonders oft merken vor allem wir Deutschen dies, wenn es um Filme, Musik oder Videospiele geht. Unser Jugendschutz-System legt andere Maßstäbe an, weswegen wir bisweilen manche Videospiele gar nicht in Deutschland erleben, die es anderswo aber problemlos zu kaufen gibt. Der Bananen-Staat eben, oder doch nur eine Insel? Wem, der das Internet einmal kennen gelernt hat, möchte man das eigentlich sinnvoll erklären, dass die Österreicher ein Videospiel kaufen dürfen, wir aber nicht?
Im Zeit-Beitrag wird Apple dafür an den Pranger gestellt, dass das Unternehmen angeblich “heimlich” Musik von Kunden austauscht, wenn diese anstößigen Text beinhaltet.
“Der Konzern ersetzt bisweilen heimlich Musikstücke mancher Nutzer: Enthalten die Liedtexte vermeintlich anstößige Worte wie motherfucking, kann es sein, dass sie durch Versionen desselben Liedes ersetzt werden, in denen solche Passagen nicht auftauchen.”
Es ist nur allzu verständlich, dass wir uns in Deutschland daran stoßen, dass ein Hersteller angebliche Vulgärausdrücke aus Liedern entfernt. Dabei ist es nicht der Shop-Anbieter, sondern ist es die Musikindustrie und die amerikanische Gesellschaft, die dieses Spiel spielt, in dem Bedürfnis, ihre Jugend zu schützen. Hamann und Rohwetter jedenfalls wirken an dieser Stelle besonders tendenziös, denn sie erbringen zu keiner Zeit den Beweis, dass es sich nicht um einen technischen Fehler gehandelt hat, sondern unterstellen Apple Absicht.
In einem früheren Beitrag der Zeit, den Hamann und Rohwetter dazu extra verlinken, wurde Apple für den Austausch einer “Explicit”-Version eines Songs mit einer “weichgespülten” gescholten. Der Nutzer wurde darüber angeblich nicht aufgeklärt. Das ist so aber nicht ganz richtig. Jeder, der iTunes Match abonniert, muss zuvor bestätigen, dass er die AGB gelesen hat. Die beiden Zeit-Autoren hätten diese AGB ebenfalls konsultieren können, ehe sie sich ohne Überprüfung auf die Seite eines einzelnen Nutzers stellen, der eine Behauptung aufstellt – nicht mehr, aber auch nicht weniger. In den AGB jedenfalls heißt es unter anderem:
“iTunes Match wird die Songdateien automatisch durchsuchen und andere Informationen erheben, die genutzt werden können, um die in Ihrer iTunes Bibliothek vorhandenen Datenträger zu identifizieren, wie Namen, Interpreten oder Dauer der Songs.”
Und weiter:
“iTunes Match wird diese Informationen verwenden, um die Songs mit den derzeit im iTunes Store vorhandenen Songs abzugleichen, und wird die abgeglichenen Songs in dem im iTunes Store vorhandenen Format für Sie zur Verfügung stellen.”
In dem Fall von “Linus Schmelzer” scheint in diesem Ablauf die Technik versagt zu haben. Dies muss man zunächst einmal annehmen, ganz im Sinne des “In dubio pro reo”. Denn Apple weist weiterhin in den AGB auf diesen Umstand hin.
“iTunes Match wird auf einer “wie gesehen”-Grundlage zur Verfügung gestellt und kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten, die Defekte, Verfälschung oder den Verlust von Daten und/oder Informationen auf Ihrem Computer oder Gerät und auf mit diesen verbundenen Peripheriegeräten (einschließlich Servern oder anderen Computern) verursachen können, einschließlich Musik, Playlists und Playhistory.” (Hervorhebung d. Red.)
Bei der Zeit hätte man sicherlich notiert, dass Apple sich “ein Hintertürchen offenlässt”. Dort wurde immerhin mit Bruno Kramm seinerzeit ein Mitglied der Piratenpartei zitiert. Dieser sprach von der “typischen Apple-Policy” und davon, dass das Unternehmen aus Cupertino die Kultur verstümmele. Dass Apple überhaupt dafür gesorgt hat, gegen den Widerstand der Musikindustrie, dass wir elektronische Musik nicht geächtet über Tauschbörsen herunterladen, sondern legal erwerben können, wird geflissentlich unter den Teppich gekehrt.
Dass Apple sich hingegen kaum zu solchen Angelegenheiten in der Presse äußert ist vielleicht gar nicht so verkehrt. Gucken wir in den Blätterwald und lesen jeden Tag die Schlagzeilen, in denen Leute verunglimpft werden, egal ob schuldig oder nicht. Manchmal ist es besser nichts zu sagen. Albern ist jedoch dieses Zitat aus dem Beitrag “Fluchen verboten” von Emilia Smechowski bei der Zeit, den Hamann und Rohwetter verlinken:
“Linus Schmelzer hatte noch Glück: Auf einer externen Festplatte waren die entsprechenden Songs in seiner Musiksammlung noch gespeichert.”
Hätte “Linus Schmelzer” die zuvor von mir zitierten Passagen der AGB auch gelesen, und eben nicht nur blind bestätigt, hätte er gewusst, dass technische Fehler von vornherein eingeräumt werden und der Nutzer sich damit einverstanden erklärt, indem er das iTunes-Match-Abo abschließt.
Ich behaupte nicht, dass in dieser Sache alles “optimal” läuft, nur kann man nicht aus unverbesserlichen Nutzern auf einmal die Helden einer Kulturbewegung machen wollen. Das ist absurd. Darüber hinaus gibt es bestimmt genügend Leute in unserer Gesellschaft, die stundenlang darüber diskutieren würden, ob ein “motherfucking” kulturell wertvoll ist oder nicht.
Dies bringt mich zu meiner Überleitung zu Google. Denn auch der Suchmaschine werfen die beiden Zeit-Redakteure ebenfalls Zensur vor. Es gibt nicht nur Google, und nicht nur Amerika und Europa, sondern auch andere Teile der Welt, in denen Google weiß Gott nicht dieselben Markanteile erzielen kann. Doch die beiden Zeit-Autoren schreiben:
Das Internet war mal ein Ort der Freiheit. Wo man unbekannte Welten entdecken und sich dabei auch schon mal verlaufen konnte. Ein Ort, anarchisch zwar und wild. Aber frei.
Das ist eine sehr romantische Betrachtungsweise, die aber an der Realität vorbeigeht. Wenn man sich die Geschichte des Internet genauer ansieht, stellt man fest, dass der Status Quo von heute viel mehr Informationen zu den Usern bringt als er sie zurückhält. Im “romantischen” und anarchischen Internet von Hamann und Rohwetter war es nämlich so, dass viele Inhalte so gut wie überhaupt nicht gefunden wurden, wenn sie nicht über Mundpropaganda oder andere Medien weitergegeben wurden. Da waren es vor allem die Verleger, die die Macht hatten, mit ihrer Berichterstattung Webseiten bekannt zu machen. Wer naiv genug ist, anzunehmen, dass dabei immer alles fair und gleichberechtigt ablief, und nicht vor allem die Webseiten propagiert wurden, die am meisten Werbebudget ausgaben, der sollte sich an einen Stammtisch setzen.
In den Medien- und Kommunikationswissenschaften gibt es den Begriff des Gatekeepers. Dies ist eine Art Nadelöhr für Informationen. Der Rest von uns nimmt Informationen nicht ungefiltert wahr, sondern durch die Perspektive der Gatekeeper. Fernsehsender entscheiden, welche Nachrichten berichtenswert sind, Redakteure, welche Promis erwähnenswert, usw. usf. – Meiner Meinung nach kann man den Begriff aber auch sehr weit fassen und quasi jedes Medium als Gatekeeper interpretieren, Apple, Amazon, Facebook und Google sind genauso Gatekeeper wie die Zeit.
Betreibt die Wochenzeitung nun politische Zensur, wenn sie zu einem Thema nur 4 oder 5 und nicht 35 Parteien befragt und zu Wort kommen lässt? Ist das nicht eher der Tatsache geschuldet, dass man sich auf den Mainstream konzentriert, der die meisten Leser verspricht? Demokratisch, wenn auch nicht von jedem so empfunden, wäre es, wenn man alle politischen Lager mit ihren Meinungen zu jedem politischen Thema zu Wort kommen ließe. Das müsste immer dann gelten, sobald mindestens eine Partei gefragt wird. Alles andere ist nämlich unausgewogen und eindimensional. Ist das nun politische Zensur? Oder nur eine mangelhafte Ausübung von politischer Bildung? Ist das gar manipulativ? Warum tut man das nicht? Muss sich dafür jemand bei der Zeit rechtfertigen? Natürlich kann man sich als Zeit-Redakteur hinstellen, und über böse Internet-Unternehmen wettern, aber man hat dann vergessen vor der eigenen Haustüre zu kehren.
Die Mär von der Objektivität
Bei der Zeit liest man folgendes über Googles Filterungen, die persönlichen Suchergebnisse seit Ende 2009:
“Heute bestimmen Algorithmen zunehmend, welche Informationen die Nutzer erreichen. Die Welt wird vorsortiert, nach dem scheinbar unbestechlichen und neutralen Ansatz mathematischer Präzision. Nur objektiv ist das nicht, und deshalb sollte jeder die Möglichkeit besitzen, seine Daten einzusehen, zu verstehen, wie ihm die Sicht auf die Welt aufbereitet wird, welches Rating ihm der Computer verpasst – und warum.”
Vor Google war es Yahoo, ein Katalog, der bestimmte, was gesehen wurde. Dieser wurde von Menschen befüllt. Ob die nicht auch Entscheidungen getroffen haben, Webseiten abgelehnt haben. Ob da der eine nicht auch eine andere Meinung als sein Kollege bei der Bewertung derselben Sache gehabt hat? Das ist durchaus menschlich. Nun soll aber der maschinelle Algorithmus weniger objektiv sein… Na bravo.
Man kann aber auch gänzlich “unaufgeregt” zum Thema Objektivität formulieren, dass es sie nicht nur akademisch definiert nie geben kann, sondern auch logisch nachvollziehbar wird, dass es im Internet nur wenig Alternativen gibt. Wir haben Milliarden von Webseiten im Internet. Wie möchte man Nutzern einen “objektiven” Zugang zu diesen bieten? Chronologisch? Dann würde derjenige mit dem ersten Artikel, der vielleicht nur Nonsens beinhaltet, immer zuoberst erscheinen. Alphabetisch? Dann würden alle Leute nur noch versuchen Webseiten-Titel mit A zu schreiben, damit sie möglichst weit vorne landen.
An dieser Stelle vermisse ich ein weiteres Mal die “andere Seite der Medaille”. Denn Google hat sicher nicht nicht nur von sich aus ein Bestreben, Suchergebnisse in irgendeiner Form zu filtern, sondern der Anbieter muss auch auf subversive Kräfte aus dem Web reagieren. Denn Suchmaschinenoptimierer und Linkkäufer manipulieren durch ihr Vorgehen die Suchergebnisse, sodass teils minderwertige Inhalte relativ weit vorne bei Google lande(te)n. Nun ist es so, dass Google auch nur dann weiterhin von den Nutzern konsultiert wird, wenn man in angemessener Zeit adäquate Ergebnisse für die eigene Suche findet, sonst widmet man sich der Konkurrenz. Ist also der Impetus von Google, seine Algorithmen anzupassen einzig negativ zu interpretieren? Ich glaube nicht.
Wenn man sich weiterhin über die Darstellbarkeit von Suchergebnissen Gedanken macht, dann kommt man meist nur auf Listen als Ergebnisse. Man könnte versuchen, die Ergebnisse grafisch darzustellen, als Punkte vielleicht. Bei 100 Millionen Suchergebnissen zu einem Stichwort müsste man aber 100 Millionen Punkte oder 100 Millionen Listeneinträge machen. Der Bildschirm, den man dazu bauen müsste, damit “alle” auf Seite 1 Platz haben, wäre gigantisch groß. Und werden die Punkte links oben dann denjenigen rechts unten vorgezogen? Wenn man ernsthaft über Objektivität reden will, dann muss man schon andere Maßstäbe ansetzen.
Ich bin auch nicht mit allem einverstanden, was Google anstellt, nur mir fällt kein Konzept für eine bessere Suche ein. Auch andere Suchmaschinen benutzen irgendwelche Kriterien, denen zufolge Sie Webseiten in ihren Ergebnislisten sortieren. Wir selbst würden das ja auch tun, alphabetisch, chronologisch oder wie auch immer geartet. Google erlaubt uns ja sogar, die Suchergebnisse ebenfalls zeitlich zu filtern, was durchaus für jemanden, der nach aktuellen Infos zu einem Thema X auf der Suche ist, eine Option darstellt.
Richtig aber ist, dass es sicherlich sinnvoll wäre, wenn wir wüssten, nach welchen Kriterien sortiert wird, damit wir unsere eigene Arbeit und die Ergebnisse besser überprüfen könnten, und in Zweifelsfällen vielleicht die Suchstrategie ändern, um noch weitere Ergebnisse zu finden. Nicht okay ist auch, dass Google in einigen Ländern Inhalte “absichtlich” nicht anzeigt, nur überall sonst kann man das dem Unternehmen ja nicht einfach frei Schnauze nachsagen, wenn man es nicht beweisen kann.
Als hätte man noch nicht genug unüberlegte Behauptungen thematisiert, wird dann WikiLeaks thematisiert und in diesem Zusammenhang auch Amazon. Amazon hat nach Bekanntwerden der Affäre um WikiLeaks die Geschäftsbeziehungen zu der Organisation beendet. Verschwörungstheoretiker sehen Amazon in diesem Fall als Gehilfen der US-Regierung. Beweise dafür gibt es bislang offenbar nicht. Die einleuchtende Begründung seitens Amazon reicht den Zeit-Autoren aber scheinbar nicht. Denn WikiLeaks hatte auf den Amazon-Servern vielfach Material gespeichert, dessen Urheberrecht sie nicht besaßen. Das verstößt gegen die AGB und damit ist der Fall nach außen hin klar.
Unverständlich ist mir, warum die angeblich so seriöse Zeit, so ein Thema dann noch zum Abschluss eines ohnehin auf recht dünnem Eis geschriebenen Texts auf Seite 4 packt.
Was wäre aber, wenn WikiLeaks nicht gegen die AGB verstoßen hätte? Ist es undenkbar, dass Amazons Chef sich in ähnlicher Manier hinstellt wie zuletzt der Besitzer einer Hähnchenburger-Fast-Food-Kette in den USA, der fortan super viel Zulauf von homophoben Amerikanern bekommt, die die Filialen des Brutzlers in den letzten Tagen überrannt haben und sich extra in meterlange Schlange einreihten, nur weil sie den Laden unterstützen wollen? Thema ist ja nicht – und das war es auch bei der Zeit nie – ob mir so etwas gefällt oder nicht, sondern ob ein Unternehmen sich dieses Recht rausnehmen darf? Ist es nicht denkbar, dass auch ein Jeff Bezos WikiLeaks als Vaterlandsverräter sah, wie einige andere Patrioten des Landes? Dass diese dann zusammenstehen ist nur menschlich. Dass Amerika sowieso ein recht gespaltenes Land ist, ist schon in der Historie des Landes verankert, und dass wir in Europa viele Meinungen zu jedem Problem haben macht es nicht einfacher.
Am Ende des Tages gibt es viele Gründe, warum Shops Waren nicht anbieten, und Suchmaschinen Inhalte filtern. Wenn “uns” die Entwicklungen nicht passen, hindert uns niemand daran, Alternativen anzubieten und zu entwickeln. Wir sind nur solange von Google abhängig, wie wir uns davon abhängig machen. Als der Suchmaschinenbetreiber die ersten Schritte unternahm, Bücher zu digitalisieren, um ein großes Wissensarchiv anzulegen, gab es in Europa einen von der Politik koordinierten Gegenentwurf, weil man fürchtete, dass Google seine Macht missbrauchen würde. Europa hat auch mit Airbus versucht die Macht der amerikanischen Flugzeugbauer von Boeing zu brechen. Es ist eigentlich egal, ob es ein Europäer ist, der dann eine Alternative entwickelt. Fakt ist, dass Hamann und Rohwetter niemand zwingt, die Produkte zu nutzen, die sie kritisieren. Wenn sie es doch weiterhin tun, wirken sie opportunistisch, ja unglaubwürdig. Wer will das überprüfen? Wir müssten ihrem Wort vertrauen…
Was mich abschließend bei dem Beitrag von Hamann und Rohwetter jedoch am meisten gewundert hat, neben einiger komischer Ansichten natürlich, ist die Tatsache, dass man darin kein Wort verlor zu der Situation bei der “freien” Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Richtig ist, dass daran weltweit viele Menschen vor allem ehrenamtlich mitwirken.
Doch überall, wo Menschen arbeiten, gibt es eben auch Animositäten. Es gibt tausende Diskussionen im Netz über Löschanträge, es gibt mehr und mehr Artikel, die temporär nicht mehr editierbar sind. Einige, weil darin getrollt wurde und Missbrauch betrieben wurde, andere aber, weil einige eitle Autoren es nicht mit ansehen können, dass ihre wohlfeilen Formulierungen von anderen Leuten, die ebenfalls an der Produktion von Wissen teilhaben wollen, verändert werden. Natürlich gibt es daneben auch ganz natürlicherweise Diskussionen um Inhalte. Was ist es Wert für die Nachwelt aufgehoben zu werden, was nicht?
Warum sollen Amazon, Apple, Facebook und Google immer nach Jedermanns Pfeife tanzen, wenn die Nutzer sich (bei Wikipedia) selbst nicht einig werden können? Es gibt nun einmal unterschiedliche Ansichten darüber, was geht und was nicht, was man anbietet und was nicht. Wozu gehen wir wählen, wenn doch zwei Zeit-Autoren uns sagen, dass wir einfach Alles erlauben und dann schon Alles gut wird? Wenn man Demokratie ernst nimmt und Selbstbestimmung fordert, dann soll man doch das den “vier Sheriffs” ebenfalls zugestehen. Oder wollen Hamann und Rohwetter die Demokratie unterwandern? – Keine Frage, ich formuliere absichtlich zugespitzt, nur denke ich, muss man irgendwie die Perspektive des Beitrags “Vier Sheriffs zensieren die Welt” gerade rücken dürfen.