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Gaddafi setzt Streumunition gegen Zivilisten ein

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Bengasi/New York/Kairo (dpa) - Die Truppen des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi sollen weltweit geächtete Streumunition gegen Zivilisten eingesetzt haben.

Die Organisation Human Rights Watch berichtete am Freitag (Ortszeit) in New York, in der Nacht zum Donnerstag seien mindestens drei Granaten mit Streumunition über einem Wohnviertel der Stadt Misurata 210 Kilometer östlich von Tripolis explodiert.

Experten hätten die von einem «New York Times»-Reporter entdeckte Munition begutachtet und als Mörsergranaten aus spanischer Produktion identifiziert. Streumunition sind Bomben oder Granaten, die sich in der Luft öffnen und zahlreiche kleinere Sprengsätze freigeben. Ein Sprecher des Regimes in Tripolis wies die Angaben zurück.

US-Außenministerin Hillary Clinton verurteilte in der «New York Times» den Einsatz von Streumunition. «Ein Grund, warum der Kampf in Misurata so schwierig ist, ist, dass es auf so engem Raum bebaut ist. Alles spielt sich in den Wohngebieten ab und das macht es für die Nato und für die Kämpfer gegen Gaddafi so kompliziert.»

Die Lage in der seit Wochen belagerten, drittgrößten libyschen Stadt wird immer verzweifelter. Die Gaddafi-Truppen nahmen Misurata auch am Samstag unter Artilleriebeschuss, Panzer und Heckenschützen waren ebenfalls im Einsatz. «Gaddafi versucht Misurata so schnell wie möglich einzunehmen, bevor die Nato mit Bodentruppen kommt», sagte ein Bewohner in einer Audio-Botschaft, die über Internet verbreitet wurde. «Wenn nicht bald etwas geschieht, wird die Lage noch schlimmer», fügte er hinzu. Man schätze, was die Nato bisher für die Menschen in Libyen geleistet habe, sagte ein anderer Bewohner - «aber sie muss noch mehr tun».

Vier Wochen nach Beginn der Luftangriffe auf Ziele in Libyen gehen den Nato-Staaten nach Informationen der «Washington Post» die Präzisionsbomben aus. Das zeige die eingeschränkte Fähigkeit der Franzosen, Briten und anderer Europäer auch zu einem relativ begrenzten Militäreinsatz, schreibt das Blatt (Internetausgabe) unter Berufung auf Nato-Offiziere. Es mangele in Europa an Munition, aber auch an einsatzfähigen Flugzeugen. Militärs stellten deshalb die Frage, ob sich die USA weiter so in dem Konflikt zurückhalten könnten. Die Nato, Frankreich und Großbritannien wollten den Bericht nicht kommentieren.

Nato-Flugzeuge hätten am Freitag 145 Einsätze geflogen, darunter 58 Bombardements, teilte die Militärallianz am Samstag in Brüssel mit. Das waren so viele wie in den Vortagen. In der Nähe von Gaddafis Geburtsstadt Sirte und bei Tripolis hätten die Kampfbomber fünf beziehungsweise vier Munitionsbunker zerstört. Nahe Al-Sintan und bei Misurata wurden je zwei Panzer vernichtet. Seit Beginn der Nato-Mission am 31. März seien 1087 Kampfeinsätze geflogen worden. Die libysche Opposition fordert eine Verstärkung der Luftangriffe gegen Gaddafis Truppen.

In der von den Gaddafi-Gegnern kontrollierten östlichen Metropole Bengasi melden sich indes Freiwillige, die nach Misurata gehen wollen, um die Stadt zu «befreien». Dort mangele es zwar nicht an Kämpfern, sagten Aufständischen-Milizionäre dem Nachrichtensender Al-Dschasira. Vielmehr gehe es darum, den Verteidigern von Misurata panzerbrechende Waffen zu bringen. Nach Medienberichten vom Wochenbeginn sollen die libyschen Rebellen inzwischen moderne Panzerabwehrraketen vom Typ «Milan» erhalten haben.

In Misurata ist die Zivilbevölkerung nicht nur den brutalen Angriffen der Gaddafi-Streitkräfte ausgesetzt. Sie ist auch weitgehend von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. In den Krankenhäusern, die Hunderten schwer verletzten Bewohnern helfen müssen, mangelt es an Medikamenten und chirurgischem Bedarf.

Krankenhäuser in Misurata seien mit Verletzten überfüllt, teilte die Organisation Ärzte ohne Grenzen mit. «Seit Wochen versuchen die Ärzte verzweifelt, mit dem Ansturm an Patienten zurechtzukommen. Sie haben zu wenig Personal und medizinisches Material, um die Verwundeten und chronisch Kranken zu behandeln», sagte Morten Rostrup von Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation brachte 99 Menschen aus Misurata mit dem Schiff nach Tunesien, 64 Kriegsverwundete und 35 Begleitpersonen, wie es hieß.

«Wegen des heftigen Beschusses in Misurata in den vergangenen Tagen verschlechtert sich die Situation weiter», sagte Rostrup. «Die Krankenhäuser müssen ihre Patienten ohne abgeschlossene Behandlung entlassen, um neue Verwundete aufzunehmen. Viele Verletzte können medizinische Einrichtungen nicht erreichen, ohne erneut ihr Leben zu riskieren.»

Konflikte / Libyen
16.04.2011 · 19:17 Uhr
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