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Gaddafi denkt nicht an Aufgabe

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Tripolis/Kairo (dpa) - Das Regime des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi ist am Ende, doch trotz der Siegesfeiern der Rebellen kämpfen seine letzten Getreuen erbittert gegen den Untergang.

In Tripolis und anderen Orten Libyens liefern sich Aufständische und Gaddafis Truppen weiterhin teils schwere Gefechte. In den chaotischen Verhältnissen wurden vier italienische Journalisten in der Nähe von Tripolis von Gaddafi-Milizen entführt, zwei französische Reporter wurden nach Medienberichten bei Gefechten in der Hauptstadt angeschossen.

Die Übergangsregierung läutet bereits eine neue Ära ein. Sie legte einen Zeitplan für das Libyen nach Gaddafi vor und kündigte Wahlen binnen acht Monaten an. In Paris kündigte der französische Staatschef Nicolas Sarkozy eine Libyen-Aufbaukonferenz für den 1. September in der französischen Hauptstadt an. «In voller Übereinstimmung mit (dem britischen Regierungschef) David Cameron haben wir beschlossen, eine große internationale Konferenz zugunsten des freien Libyen von morgen einzuberufen - um zu zeigen, dass wir uns nun mit der Zukunft befassen», sagte Sarkozy nach einer Unterredung mit dem Chef der Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, im Élysee-Palast.

Nach der Erstürmung seines Hauptquartiers kündigte Gaddafi in der Nacht zum Mittwoch in einer Audiobotschaft einen Kampf «bis zum Märtyrertod oder Sieg» an. Wo sich der Despot versteckt, blieb unklar. Die USA vermuten ihn noch in Libyen. «Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er das Land verlassen hat», sagte der stellvertretende Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest. Nach Informationen des Nachrichtensenders Al-Dschasira hat die Übergangsregierung ein Kopfgeld von 1,7 Millionen Dollar auf Gaddafi ausgesetzt.

Gaddafis Anhänger halten nach Berichten arabischer Medien noch in zwei Stadtvierteln von Tripolis die Stellung. In einem dieser Viertel liegt das Hotel Rixos, in dem Soldaten seit Sonntag mehrere Dutzend ausländische Journalisten und Diplomaten festgesetzt hatten. Nach Tagen der Angst durften sie das Hotel am Mittwoch verlassen. Anhänger Gaddafis hätten ihnen erklärt, dass sie gefahrlos gehen könnten, berichtete CNN-Reporter Matthew Chance am Nachmittag. «Es war ein Alptraum.» Vor dem Hotel war in der Nacht zum Dienstag auch der vermeintlich festgenommene Gaddafi-Sohn Saif al-Islam aufgetreten.

Am Mittwochabend teilte das Außenministerium in Rom mit, dass in Libyen vier italienische Journalisten entführt wurden. Der regionale italienische Journalistenverband von Latium bestätigte die Entführung. Getreue von Diktator Muammar al-Gaddafi hätten die Journalisten auf dem Weg nach Tripolis angehalten und den Fahrer erschossen. Das habe einer der Entführten per Telefon mitgeteilt. Pariser Medien berichteten am Abend, dass in Tripolis zwei französische Reporter von Kugeln getroffen und verletzt wurden.

Im Inneren von Gaddafis Hauptquartier wurde laut BBC am Mittwoch noch gekämpft. Der innere Zirkel werde weiter von dessen Soldaten kontrolliert. Auch in der Nähe des internationalen Flughafens in Tripolis gab es weitere Gefechte.

Laut Al-Dschasira griffen Regierungstruppen in der Nacht auch die Rebellen-Hochburg Misrata mit Scud-Raketen an. Die Aufständischen rückten derweil weiter auf Gaddafis Heimatstadt Sirte vor. Um blutige Kämpfe zu vermeiden, liefen Verhandlungen zur friedlichen Übergabe, verlautete aus der Küstenstadt.

Allein beim Kampf um Tripolis seien bisher 435 Menschen getötet und mehr als 2000 verletzt worden, sagte ein Mitarbeiter des Zentralkrankenhauses der Nachrichtenagentur dpa. Laut Hilfsorganisationen gibt es inzwischen große Engpässe bei der medizinischen Versorgung und dem Nachschub an Lebensmitteln.

Die Kämpfe verhindern auch, dass Ausländer aus Tripolis über See in Sicherheit gebracht werden können. Ein von Malta entsandtes Schiff sei am Sonntag beschossen worden, als es versucht habe, in den Hafen von Tripolis einzulaufen, sagte ein Sprecher der maltesischen Regierung der Deutschen Presse-Agentur.

Angesichts der Kämpfe konnte auch der Übergangsrat der Rebellen bislang nicht von Bengasi nach Tripolis umziehen. Vertreter des nationalen Übergangsrates führten am Mittwoch Gespräche mit Vertretern der Europäischen Union, der USA und anderen Staaten über die Zukunft Libyens. Laut BBC baten sie um die Freigabe von 2,5 Milliarden Dollar eingefrorener Gelder des Gaddafi-Regimes. Sarkozy sagte dazu in Paris, dass dies bei der Libyen-Aufbaukonferenz erledigt werden könne. «Wir brauchen gar nicht viel Geld zu mobilisieren. Die Mittel aus den Kassen des Gaddafi-Clans sollten für das Volk zur Verfügung stehen», sagte Sarkozy.

Die Übergangsregierung setzt auf einen raschen demokratischen Wandel. Nach ihrem Willen soll es innerhalb von acht Monaten nach dem Sturz Gaddafis Parlaments- und Präsidentenwahlen geben. «Wir wollen eine demokratische Regierung und eine gerechte Verfassung», sagte der Vorsitzende Mustafa Abdul Dschalil der römischen Tageszeitung «La Repubblica». Er wolle keine Racheakte und Exekutionen, sondern dass Gaddafi der Prozess gemacht werde.

Dieser gab sich trotz aller militärischen Rückschläge unbeugsam. In zwei Audiobotschaften rief der 69-Jährige die Bevölkerung zum Widerstand auf und kündigte an, er werde bis zum «Märtyrertod oder Sieg» kämpfen. Unklar blieb, ob er sich in der Hauptstadt Tripolis versteckt hält oder in den Süden des Landes geflüchtet ist.

Die Europäische Union steht bereit, ab sofort humanitäre Hilfe für die Bevölkerung Libyens leisten. In den vergangenen Monaten seien erhebliche Lager von Hilfsgütern in dem von Rebellen kontrollierten Osten des Landes angelegt worden, erklärte die zuständige EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa in Brüssel. Diese könnten nun mit Hilfe der UN und Hilfsorganisationen verteilt werden.

Konflikte / Libyen
24.08.2011 · 22:35 Uhr
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