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Gabriels holpriger Aufstieg in die erste Liga

Sigmar Gabriel fühlt sich bis heute in Berlin nicht recht heimisch. (Archivbild)Großansicht
Dresden (dpa) - Erst ein paar Wochen ist es her, da kokettierte er noch mit dem Ausstieg aus der großen Politik. Er sei jetzt in einem Alter, in dem man in seiner Harzer Heimat gerade als volljährig gilt, erzählte Sigmar Gabriel bei der Feier zu seinem 50. Geburtstag.

Und sein Lebenstraum sei es ohnehin, einmal Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Goslar zu werden. Doch damit wird es jedenfalls vorläufig nichts. Jetzt ist Gabriel erst einmal an der Reihe, sich als nächster SPD-Chef daran zu versuchen, die SPD aus dem Jammertal zu holen.

Prominente Gäste sagten dem bislang mehr wegen seiner Leibesfülle gewichtigen Sozialdemokraten schon bei seinem runden Geburtstag eine glänzende Zukunft voraus. «Du spielst erste Liga und machst einen prima Job», bescheinigte ihm Parteichef Franz Müntefering. «Irgendwann» würden die Trikots ausgetauscht und Gabriel werde sich mit der Größe «XXL» in der SPD etablieren.

Und auch ein anderer langjähriger Förderer bescheinigte dem Jubilar eine «bemerkenswerte» Entwicklung. «Sigmar Gabriel hat nicht nur viel vor. Er hat auch noch viel vor sich», schmeichelte Gerhard Schröder, der mit Gabriel nicht nur einmal schwer über Kreuz lag. So wagte dieser es als Fraktionschef in Hannover sogar, den damaligen Ministerpräsidenten Schröder fest im Blick, gegen den «Bonapartismus in der SPD» zu wettern - eine frühe Umschreibung für den späteren «Basta-Stil» des Kanzlers.

Müntefering ahnte damals noch nicht, dass seine Vorhersage schon so schnell eintreffen und ihn selbst hinwegreißen würde. Dass der lange als «Harzer Roller» in der Partei bespöttelte Gabriel urplötzlich ganz nach oben kam, lag am für die SPD schrecklichen Wahlsonntag am 27. September. Doch auch in dieser Lage bewies Gabriel wieder Machtinstinkt. Mit führenden SPD-Linken, die in ihm vorher nur einen unsicheren Kantonisten und ein Irrlicht sahen, stellte er fast schon konspirativ die Weichen für die neue SPD-Zeit in der Opposition.

Kaum ein anderer Sozialdemokrat ist von den eigenen Leuten so oft fallengelassen und dann wieder aufs Schild gehoben worden. Gabriel gehörte bislang nie zur engeren Führung. 2007 fiel der studierte Gymnasiallehrer für Deutsch und Politik bei der Wahl zum SPD- Präsidium sogar durch. Für die Blamage machte er die Linke um die künftige Generalsekretärin Andrea Nahles verantwortlich, mit der er bis vor kurzem kaum ein Wort wechselte.

Der Ruf des Sprunghaften und Trickreichen eilte dem Sohn einer alleinerziehenden Krankenschwester schon aus Hannover voraus. Dort wurde der frühere Fähnleinführer bei den «Falken» mit 40 Jahren 1999 jüngster deutscher Länder-Regierungschef. Schon mit 43 war er dann auf einmal jüngster ehemaliger Ministerpräsident. Gabriel wechselte nach Berlin, wo er sich bis heute nicht recht heimisch fühlt. Dort brachte er es zunächst nur zum SPD-«Pop-Beauftragten», was ihm den bis heute anhängenden Spitznamen «Sigi-Pop» eintrug.

Eher überraschend kam 2005 die Berufung zum Umweltminister in der großen Koalition. Mit Matthias Machnig holte sich Gabriel einen bestens vernetzten Strippenzieher als engsten Mitarbeiter ins Haus, der ihm auch den gelegentlichen Hang zur Selbstüberschätzung austrieb. Aus den turbulenten SPD-Debatten hielt sich Gabriel heraus und profilierte sich ungewohnt diszipliniert in seinem Ressort. Im Wahlkampf punktete der Niedersachse, der mit einer Zahnärztin liiert ist, mit geschickten Kampagnen gegen die Atomenergie. Der glänzende Verkäufer und Selbstvermarkter empfahl sich damit in den eigenen Reihen wieder für Höheres.

Schon seit längerem gilt Gabriel als wohl bester Redner, den die SPD aufbieten kann. Mit scharfzüngigen Formulierungen und schlagfertigem Witz kann das politische «Alphatier» ganze Säle zum Kochen bringen. Doch auch in seinem eigenen Landesverband war Gabriel bis vor kurzem nicht unumstritten. Der verweigerte dem Bundesminister bei der Listenaufstellung zur Bundestagswahl einen Spitzenplatz. Beleidigt verzichtete Gabriel ganz und setzte ganz auf Risiko. Seinen Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel verteidigte er mit rund 45 Prozent.

Parteien / SPD / Parteitag
13.11.2009 · 22:33 Uhr
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