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Fußballfieber: Von Hassern und Fans 2.0

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Hamburg (dpa) - Jetzt geht es wieder los, das Geballer und Geplänkel, das Gegröle und Genöle: Fußball-Weltmeisterschaft. Ein Horror für Millionen Menschen in Deutschland.

Wenn sich die Gespräche im Treppenhaus, Supermarkt oder Büro nur noch um die WM drehen, fühlen sich viele belästigt. Sie wollen kein verordnetes Fußballfieber, sondern einfach nur ihre Ruhe.

Ein alter Witz lautet, dass es in Deutschland 82 Millionen Bundestrainer gibt. Wirklich zum Lachen. Das könnte den Fans so passen. Das Interesse an ihrem Sport ist aber weit geringer als viele von ihnen denken.

Ein kleines Rechenspiel, das Fußball-Muffel gerne anführen: Laut Einschaltquoten-Statistik von Media Control gehören zu den meistgesehenen Spielen, die es je gab, das WM-Halbfinale Deutschland- Italien 2006 (durchschnittlich 29,66 Millionen Zuschauer), das EM- Halbfinale Deutschland-Türkei 2008 (29,54 Millionen) sowie das EM- Finale Deutschland-Tschechien 1996 (28,44 Millionen). In der Spitze guckten vielleicht knapp über 30 Millionen Menschen bei diesen Spielen zu. Normale Länderspiele schauen aber stets weniger als 20 Millionen Leute.

Selbst wenn man bei den Rekordspielen das ungezählte Rudelgucken dazunimmt, das sogenannte Public Viewing, und großzügig zehn Millionen Menschen draufschlägt, ergibt das immer noch weniger als die Hälfte von 82 Millionen.

Was zeigt das? Wenigstens im Fernsehen akzeptiert die Mehrheit in Deutschland König Fußball gar nicht. Doch seine angebliche Breitenwirkung macht ihn für die Ball-Abstinenzler zu einer Oligarchie - nein, das hat nichts mit Oliver Kahn zu tun. Fußball ist die Herrschaft einer Minderheit über Zeit und Geld der Mehrheit. Große Teile der Wirtschaft setzen in der Werbung auf prominente Fußballspieler. Sie beballern auch Bürger, die das nicht die Bohne interessiert. Doch offensichtlich funktionieren Stars und Persönlichkeiten wie Michael Ballack auch bei Kick-Ignoranten als Werbeträger.

Apropos Interesse: Heutzutage finden wohl mehr Menschen Fußball spannend als das früher der Fall war. Neben dem typischen Vereinsanhänger und «Fan 1.0» hat sich der sogenannte «Fan 2.0» etabliert. Bei diesem Trend-Fan kommt das Interesse in Schüben. Während der WM schwillt sein Aufkommen stark an. Die Weltmeisterschaft und auch die Europameisterschaft macht der «Fan 2.0» alle zwei Jahre ungefähr in der selben Art mit, wie mancher Christ hierzulande seine Religion, wenn er nur zu Weihnachten in die Kirche geht und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lässt.

«Fan 2.0» sind Menschen querbeet. Mit der Intelligenz, dem Geschlecht oder der sexuellen Orientierung hat die Begeisterung für den Männersport nichts zu tun. Wer das denkt, hängt Klischees von gestern an. Media Control teilte schon öfter mit, dass bei den Deutschland-Spielen mehr Frauen als Männer vor dem Bildschirm saßen. Sich an Frauen oder Schwule zu halten, die dieser Sport voller Taktiken und Tabellen angeblich kalt lässt, ist also kein guter Rat für Fußballhasser - und war es womöglich nie.

Nun könnte man einem Fußballgenervten in den kommenden Wochen einfach sagen: guck' doch weg, hör' nicht zu, bleib' gelassen. Doch das geht kaum. Denn Fußball ist übergriffig und kriecht überall rein. Wegen der WM wird das Fernsehprogramm noch langweiliger als sonst, weil eben entweder Fußball läuft oder etwas, was die anderen Sender scheinbar chancenlos dagegensetzen. Und auch im Web oder in sozialen Netzwerken entkommt man dem Fußballvirus nicht. Verreisen? Bringt nichts. In fast allen Ländern ist es doch genauso wie in Deutschland.

Klingt alles ausweglos und schlecht gelaunt? Nun ja, schlechte Laune ist in Deutschland nichts Seltenes. Doch es gibt eine einzige Sache, die gegen alles helfen könnte. Wenn Fußballfans immer so gut drauf wären, wie sie es plötzlich während der WM sind - also freundlich, entspannt und ohne Berührungsängste - dann wäre ihr Wahn wohl auch Hassern verzeihlich.

Fußball / WM / Gesellschaft / Buntes / Thema
11.06.2010 · 23:23 Uhr
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