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Fukushima-Jahrestag - Strahlenexperiment an lebendigen Japanern

Rund 60 Kilometer von der Reaktorruine entfernt liegt der Ort, der dem zweitschwersten Atomunfall der Geschichte seinen Namen gab: Fukushima City ist eine lebendige Stadt, knapp 300.000 Menschen wohnen noch hier - mit ihrer Angst und den Gefahren für ihre Gesundheit. «Eine Mutter hat mir berichtet, was für ein beklemmendes Gefühl es ist, wenn die Kinder nicht auf dem eigenen Grundstück spielen können, weil der Boden strahlt», sagt Heinz Smital.

Der Kernphysiker Smital ist in diesen Tagen, an denen sich die Dreifachkatastrophe aus Seebeben, Tsunami und Atomunfall zum ersten Mal jährt, in der japanischen Großstadt Fukushima unterwegs. Als Teil eines internationalen Teams von Strahlenforschern misst der Greenpeace-Atomexperte in der Stadt die Radioaktivität. Das Team war bereits im April 2011 hier, einen Monat nach der Reaktorkatastrophe.

Jetzt will Smital untersuchen, ob die Strahlenwerte abgenommen haben, ob es also erfolgreich war, Erdschichten abzutragen und Gebäude zu reinigen, um die strahlenden Partikel zu reduzieren. Denn die Hauptgefahr für die Region heißt Cäsium 137 - ein langlebiges Isotop, das sich mit dem radioaktiven Fallout auch über der Stadt verteilt hat. Cäsium 137 verliert erst nach 30 Jahren die Hälfte seiner Strahlkraft.

Zwei Schritte, andere Strahlenwerte

«Die Strahlenwerte sind sehr unterschiedlich», lautet das Fazit des Atomexperten Smital. An einigen Orten habe das Abtragen der oberen Erdschichten funktioniert, die Werte seien im Vergleich zur Strahlenbelastung im April 2011 gesunken, sagt Smital.

Doch in einem anderen Park entdeckt er ein kleines Hinweisschild der Behörden: Mehr als eine Stunde Aufenthalt sei nicht ratsam, Kinder sollen Erde nicht in den Mund nehmen, das Händewaschen sei nach einem Besuch anzuraten. «Und direkt neben dem Hauptbahnhof der Stadt gibt es Stellen, an denen die Strahlung 1000 Mal so hoch ist wie die natürliche Hintergrundstrahlung - 40 bis 60 Mikrosievert pro Stunde.»

Die Behörden haben zur Kontrolle für die Bevölkerung öffentliche Strahlenmessgeräte aufgestellt. «Deren Werte stimmen», sagt Smital, «aber wenn man nur einige Meter weitergeht, hat man zum Teil bereits eine wesentlich höhere Strahlendosis. Deshalb sind die ausgewiesen Dosen an den öffentlichen Messgeräten nicht repräsentativ.»

Was ist das für ein Gefühl, wenn der Nachbar ausziehen muss - und man selbst bleibt?

Gerade weil die Strahlendosen so unterschiedlich ausfallen, ist die Verunsicherung der Einwohner groß. Ein Haus wird geräumt, weil die Strahlung auf dem Grundstück 20 Millisievert im Jahr überschreitet. Das ist ein Wert, den Arbeiter in deutschen AKW maximal pro Jahr erreichen dürfen. Diese Bewohner erhalten Entschädigung - im Gegensatz zu ihren Nachbarn, auf deren Grundstück die Strahlenwerte knapp unter der Grenze geblieben sind. Wer keine Verwandten habe oder es sich schlicht nicht leisten könne, müsse mit dem Risiko der höheren Strahlenbelastung leben, sagt Heinz Smital. Viele wollen ausharren, auch, weil ein Wegzug bedeuten würde, den eigenen Lebensmittelpunkt komplett aufzugeben.

Doch Strahlenangst und Verunsicherung sind in der Stadt spürbar - genauso wie eine langsame Gewöhnung an die Radioaktivität. «Wenn wir mit Strahlenmessgeräten unterwegs sind, kommen die Leute auf uns zu. Sie sind sehr interessiert und wissen ganz genau, was einzelne Strahlenwerte bedeuten.»

«Der Körper vergisst nicht, dass er Strahlen abbekommen hat»

Heinz Smital berichtet von Menschen, die ihr Grundstück auf eigene Faust dekontamiert, also die obersten drei bis fünf Zentimeter der Erdschicht abgetragen haben. Doch wohin mit dem strahlenden Boden? Die Behörden haben noch immer keine Lagerstätte bestimmt. «Ich habe Menschen getroffen, die Atommüll auf ihrem Grundstück vergraben haben.» Eigentlich, sagt Smital, gebe es einen klaren Verursacher für die Misere der Menschen: das Atomkraftwerk. Es sei daher nicht klar, dass die Menschen so schlecht betreut würden.

Was in der Region Fukushima geschehe, sei eine Art Langzeit-Experiment zu radioaktiver Strahlung am lebendigen Menschen. Es gibt Untersuchungsprogramme, es gibt Langzeitscans für insgesamt zwei Millionen Menschen, die in der Region leben. Einige tragen jeden Tag einen Dosimeter mit sich. «Das Beobachten wird aber nicht verhindern, dass Menschen erkranken und Familien zerrissen werden», sagt Smital. Neben Krebs könnte die Strahlung auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen oder Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit haben. Kernphysiker Smital: «Der Körper vergisst nicht, dass er Strahlen abbekommen hat».

[news.de] · 09.03.2012 · 11:56 Uhr
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