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Fukushima-Jahrestag - Leben in der totalen Unsicherheit

Seit vier Jahren wohnt Carola Hommerich in Tokio. Ihren Strom bezieht sie von Tepco, dem größten Energieversorger des Landes. Das war vor dem 11. März 2011 so und hat sich anschließend nicht geändert. Geändert hat sich, dass viele Leute keinen Strom mehr wollen von dem Unternehmen, das in seinem Atomkraftwerk in Fukushima bei den Sicherheitsvorkehrungen schlampte, bei Kontrollen betrog und nach dem Super-Gau vertuschte und verschleierte, wie es nur ging.

Nur fünf Prozent der Japaner vertrauen heute noch den Informationen, die der Energiekonzern der Öffentlichkeit vorsetzt. Das hat eine Befragung des Deutschen Instituts für Japanstudien (DIJ) ergeben, die Carola Hommerich betreute. Derzeit ist es in Tokio allerdings nicht möglich, seinen Stromanbieter selbst zu wählen, einige Stadtteile hätten jedoch schon beschlossen, auf Tepco-Energie zu verzichten, sagt die Japanologin. Nun setzen sich viele dafür ein, dass bald auch Privatleute frei wählen können.

Atomenergie machte bis zum Gau in Fukushima ein Drittel der Stromversorgung in Japan aus. Japan war 1973 besonders schwer von der Ölkrise betroffen und setzte deshalb massiv auf Atomkraft, 54 Reaktoren hat das erdbebengefährdete Land, außerdem entstanden viele Gas- und Kohlekraftwerke. Doch auch Sonnen- und Wasserenergie wurden stark gefördert.

In der Woche vor dem Jahrestag der Katastrophe ist Carola Hommerich zu einem Seminar in Deutschland. Wir haben mir ihr über die Situation in Japan gesprochen.

Frau Hommerich, Deutschland hat nach der Katastrophe in Japan den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen. Wie ist es in Japan um die Atomkraft bestellt?

Hommerich: Im Moment sind fast alle Werke abgeschaltet, um Tests durchzuführen. Das ist ständig Thema in den Medien. Um den Energiehaushalt zu decken, sind teilweise Brennstoffkraftwerke wieder in Gang genommen worden, die nicht mehr genutzt wurden. Im letzten Sommer waren alle stark aufgerufen, Energie zu sparen, weil man Angst hatte, dass es nicht reichen würde. Aber es hat sich herausgestellt, dass alles funktionierte, deshalb vermuten viele Leute, dass die Annahme, ohne Atomkraft geht es nicht, von der Atomlobby gestreut wird.

Kämpfen die Japaner gegen Atomkraft?

Hommerich: Viele, gerade Familien mit Kindern, stehen der Atomenergie negativ gegenüber. Immer wieder gibt es auch Anti-Atom-Demonstrationen. Weniger vielleicht, als man in Deutschland erwarten würde, aber es gibt sie.

Was hat sich denn für Sie verändert seit dem 11. März 2011?

Hommerich: Ich habe nie darüber nachgedacht, aus Japan wegzugehen. Aber ich achte jetzt darauf, woher die Lebensmittel kommen, soweit das möglich ist. Im Restaurant geht das nicht, und auch im Supermarkt wird nicht angegeben, ob ein Gemüse oder Fisch getestet wurde. Deshalb bestelle ich bei einem Bioversand, der selber auf Strahlung testet. Meiner Ansicht nach wäre hier mehr Information wichtig. Sonst bleibt einfach zu viel Unsicherheit. Ich selbst bin auch keine Expertin, deshalb geht mir das genauso.

Wo leben die Menschen aus den verstrahlten Gebieten jetzt?

Hommerich: Es gibt schon einige neu gebaute Mehrfamilienhäuser, da gab es auch noch einen Skandal, weil verstrahlte Materialien verbaut worden waren. Manche sind auch zu ihren Familien in andere Regionen gezogen. In Turnhallen lebt niemand mehr, doch viele Menschen, auch aus den Tsunamiregionen, wohnen noch in Containersiedlungen. Bei vielen ist es völlig unklar, wie lange es noch dauern wird.

Was passiert mit der evakuierten Zone rund um das AKW Fukushima?

Hommerich: Der Rückzug in die Gebiete ist ein Thema, das in den Medien viel diskutiert wird. Weite Teile der verstrahlten Region sollen gereinigt werden, indem die obersten Erdschichten abgetragen oder Steinflächen abgewaschen werden. In einigen Städten, zum Beispiel auf Schulhöfen, konnte damit Radioaktivität reduziert werden. Ob das aber auch in ländlichen Regionen funktionieren kann, ist noch fraglich. Genauso bleibt die Frage, wo die verstrahlte, abgetragene Erde gelagert werden soll. Darauf gibt es, soviel ich weiß, noch keine Antwort.

Wollen die Menschen denn wirklich in dieses Gebiet zurückkehren?

Hommerich: Man weiß nicht, wie viele der Bewohner wirklich zurück wollen. Ältere Menschen eher, da für sie die Strahlung kein allzu großes gesundheitliches Risiko darstellt. Für junge Familien sieht das aber anders aus. Inwiefern solche Orte dann infrastrukturell funktionieren können, bleibt fraglich.

Was weiß man heute darüber, wie stark die Menschen dort verstrahlt wurden?

Hommerich: In der Präfektur Fukushima sind Untersuchungen dazu durchgeführt worden. Teilweise wurden tatsächliche medizinische Tests gemacht, teilweise über Fragebogen erhoben, wo sich Personen wann wie lange aufgehalten haben, und darüber analysiert, wie viel Radioaktivität sie ausgesetzt waren.

Im Februar wurden erste Ergebnisse der Studien von Strahlenexperten aus der ganzen Welt in Wien diskutiert. Sie haben die Belastung der Bewohner als «Niedrigstrahlung» eingestuft. Was das jedoch bedeutet, wie hoch das Krebsrisiko nun ist, weiß man nicht.

Für die Menschen ist diese Unsicherheit schier unerträglich. 81 Prozent der Menschen in der Region Tôhoku, zu der auch Fukushima gehört, haben Angst vor radioaktiver Strahlung, hat die Studie des DIJ ergeben, auch im 250 Kilometer entfernten Tokio quält die Sorge 69 Prozent der Befragten. Fast die Hälfte der Menschen in Tôhoku wissen nicht mehr, was sie essen können und was nicht.

Kein Wunder also, dass das Vertrauen in die Regierung weiter abgenommen hat. Nur sechs Prozent glauben laut DIJ-Studie die Informationen, die ihre Volksvertreter zum Atomunfall veröffentlichen.

Hommerich: Bei der jungen Generation war das Vertrauen bereits vor der Katastrophe sehr gering. Das zeigt eine Studie unseres Instituts von 2009. Die Politikverdrossenheit war schon damals sehr groß, denn viele junge Leute arbeiten in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und wissen nicht, ob sie noch eine Rente bekommen. Jetzt ist das Vertrauen noch weiter gesunken. Bei der älteren Generation war das anders, diejenigen aber, die von der Katastrophe persönlich betroffen sind, haben stark an Vertrauen verloren. Das Misstrauen ist groß, obwohl viele Ängste nicht so laut kundgetan werden, wie das in Deutschland der Fall wäre.

[news.de] · 08.03.2012 · 18:07 Uhr
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