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Früherer Leiter der Odenwaldschule ist tot

Gerold BeckerGroßansicht
Heppenheim (dpa) - Gerold Becker, der frühere Leiter der südhessischen Odenwaldschule, ist tot. Becker sei in der Nacht zum Donnerstag in Berlin nach schwerer Krankheit gestorben, sagte Schulvorstandssprecher Johannes von Dohnanyi in Heppenheim.

Der 1936 geborene Becker, der von 1969 bis 1985 an dem renommierten Privatinternat arbeitete, stand im Mittelpunkt des Missbrauchsskandals an dem Elite-Internat. An diesem Wochenende feiert die Schule ihr 100-jähriges Bestehen. Sie wurde von dem Pädagogen Paul Geheeb (1879-1961) gegründet und gilt als eine der bekanntesten deutschen Reformschulen.

Beckers Tod sei eine Zäsur, sagte Dohnanyi, selbst ehemaliger Schüler des Internats. Für die Odenwaldschule beginne nun eine neue Ära. Unvermindert werde weiter an der Aufklärung der Missbrauchsfälle gearbeitet. Nach einem Zwischenbericht, der am Donnerstag vorgelegt worden war, wurden an der Odenwaldschule zwischen Ende der 1960er Jahre und Anfang der 1990er Jahre rund 50 Schüler missbraucht, vor allem Jungen.

Die Odenwaldschule bedauere, dass Becker nicht mehr die Gelegenheit gehabt habe, sich zu erklären und drängende Fragen der vom Missbrauch Betroffenen zu beantworten, sagte Dohnanyi. «Wir hätten ihn gerne noch einmal gesprochen.»

Becker soll 17 Jungen im Internat missbraucht haben. In einem Brief an die Schulleitung hatte er im März sexuelle Verfehlungen zugegeben und sich dafür entschuldigt. Direkt gesprochen habe er aber mit den Opfern nie, sagte Dohnanyi. Staatsanwaltliche Ermittlungen gegen Becker und fünf weitere Lehrer waren wegen Verjährung eingestellt worden.

Der Frankfurter Opfer-Anwalt Thorsten Kahl erwartet nach dem Tod des früheren Schulleiters Becker keine bessere Aufarbeitung der Verbrechen in dem Internat. «Der Tod ändert da nichts», sagte er am Freitag.

Nach Bekanntwerden immer neuer Missbrauchsfälle war der frühere Vorstand des Internats Ende März zurückgetreten. Erste Berichte über Verdachtsfälle 1999 waren nicht weiter beachtet worden. Die Schule verschickte in diesem Frühjahr rund 3000 Briefe an ehemalige Schüler, um das Ausmaß des Missbrauchs festzustellen und Opfern die Gelegenheit zu geben, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Nach einem Zwischenbericht der Schule hatte es bereits seit den 1960er Jahren eine Fülle von Hilferufen betroffener Schüler gegeben, die jedoch damals nicht ernst genommen worden waren. Der neue Vorstand will die Fälle aufarbeiten und künftig Missbrauch verhindern. «Wir wollen auch Modell werden, wie man mit Missbrauchsopfern umgeht», sagte Dohnanyi im Mai.

Schulen
09.07.2010 · 22:21 Uhr
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